Stand: 24.09.2020 07:00 Uhr

"Futur Drei": Dreiecksgeschichte voller Lebensfreude

von Katja Nicodemus

Regisseur Faraz Shariat hat mit "Futur Drei" seinen Debütfilm abgeliefert. Er erzählt eine universale Geschichte von Fremdheit, Verlust und Heimatsuche, von Liebe und Freundschaft. Kinostart in Deutschland ist am 24. September.

Szene aus "Futur 3" © Salzgeber
Die drei jungen Leute Parvis (Benjamin Radjaipour, links), Banafshe (Banafshe Hourmazdi, Mitte) und Amon (Eidin Jalali) verbringen viel Zeit miteinander.

Parvis, Anfang zwanzig, lebt noch im Einfamilienhaus seiner Familie in Hildesheim. Die Eltern sind vor Jahrzehnten aus dem Iran nach Deutschland gekommen und haben sich zu bescheidenem Wohlstand und einem kleinen Supermarkt hochgearbeitet.

Das einzige, was der Sohn richtig ernsthaft betreibt, ist das Ausgehen. Im Schwulenclub wird die Nacht durchtanzt, und per Dating-App der nächste Sexpartner gesucht.

Sprache als Integrationsmöglichkeit

Mit manchmal ernüchterndem Nachspiel: Sozialstunden im Flüchtlingsheim. Hier soll Parvis als Farsi-Dolmetscher aushelfen und hier trifft er auf ein iranisches Geschwisterpaar: Die temperamentvolle Banafshe und ihr introvertierter Bruder Amon sind eng miteinander verbunden.

Parvis, Amon und Banafshe freunden sich an, es entsteht eine Dreiecksbeziehung, getragen von der Freude am Miteinandersein, am Austausch, am Einander-näher-Kommen, am Miteinander-Abhängen. Etwa in einer Szene nach einer durchzechten Partynacht. Im Morgengrauen stolpern die drei durch einen Vorort von Hildesheim zu Parvis' Elternhaus, die Kamera erfreut sich am bläulichen Licht und über allem schwebt die pure Freude an der Schönheit des Augenblicks.

Immer hebt "Futur Drei", das Regiedebut von Faraz Shariat, ab - in Momenten voller Unbeschwertheit, Ausgelassenheit, in Augenblicken träumerischer Leichtigkeit. Doch zwischen Parvis einerseits und Banafshe und Amon andererseits stehen ihre ungleichen Schicksale: Parvis ist Deutscher und in Deutschland aufgewachsen. Durch die Freundschaft zu den Geschwistern wird er sich Parvis seiner iranischen Herkunft auf andere, intensivere Weise bewusst.

Freude am Zusammensein

Szene aus "Futur 3" © Salzgeber
Zwischen Amon (Eidin Jalali) und Parvis (Benjamin Radjaipour, rechts) entsteht eine besondere Beziehung.

Amon und Banafshe wiederum leben im Zustand der Heimatlosigkeit. Da ihre Asylverfahren schweben, sind sie in der Fremde noch nicht wirklich angekommen - und in der deutschen Sprache schon gar nicht.  

Langsam entsteht eine erotische Liebesgeschichte zwischen Parvis und Amon. Erst mit Blicken, dann mit Berührungen. Es gibt ein zärtliches Miteinander der beiden jungen Männer in Parvis' Jugendzimmer und eine sexuelle Begegnung in der Turnhalle des Flüchtlingsheims.

Mal dynamische Kamera, mal ruhige Bilder

Aber was wäre diese Dreiecks- und Liebesgeschichte ohne die Bilder, die Faraz Shariat dafür findet: Da ist die dynamische Kamera, die den Körper- und Seelebewegungen der Protagonisten folgt. Es gibt videoclipartige Sequenzen der Entgrenzung und des Rauschs und statische Bilder der Ruhe und der Atempausen.

Mal ist die Welt in Pastelltöne getaucht, mal in düstere Farben. Faraz Shariat arbeitet auch mit Videoaufnahmen aus seiner eigenen Kindheit. Etwa wenn er als sechsjähriger im Sailor-Moon-Kostüm tanzt und singt.

"Futur Drei" erzählt eine universale Geschichte von Fremdheit, von Heimatverlust und Heimatsuche. Eine Geschichte von Liebe und Freundschaft. Dieses Regiedebut ist in jeder Einstellung nahe bei seinen Figuren und verströmt zugleich in fast jeder Szene eine Offenheit, Lebens- und Liebesfreude, die man aus dem Kino mit nach Hause nimmt.

Futur Drei

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Benjamin Radjaipour, Banafshe Hourmazdi, Eidin Jalali
Regie:
Faraz Shariat
Länge:
92 Min.
FSK:
ab 16 Jahre
Kinostart:
24. September 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 24.09.2020 | 07:20 Uhr

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