Stand: 11.10.2017 15:30 Uhr

Böses Familientheater mit Isabelle Huppert

Happy End
, Regie: Michael Haneke
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Kaum ein Regisseur spaltet die Geister so wie Michael Haneke. Für die einen ist er ein Marionettenmeister, der die Zuschauer manipuliert und an unsichtbaren Fäden hält. Für die anderen ist er ein großer Kultur- und Gesellschaftskritiker.

Fünf Jahre ist es nun her, dass Haneke seinen Film "Das weiße Band" drehte, der die Goldene Palme von Cannes gewann und für den Oscar nominiert wurde. Jetzt hat er zum ersten Mal eine schwarze Komödie gedreht: "Happy End".

Im Zentrum der Handlung steht der Familien-Clan

Man könnte Michael Hanekes neuen, wunderbar sarkastischen Film auch "Die Laurents" nennen, nach dem Clan, der im Zentrum steht. In "Happy End" wohnt diese Familie von Bauunternehmern gemeinsam in einer prachtvollen Villa in Calais - Großvater, Tochter, Sohn und dessen Familie.

Zu Beginn des Films stößt die 13-jährige Enkelin Eve dazu, Tochter von Thomas Laurent aus erster Ehe. Was nur wir, die Zuschauer, wissen: Eve hat ihre depressive Mutter mit Schlaftabletten ins Koma befördert. Nun sitzt der Teenie also bei Papas Familie mit am opulent gedeckten Abendbrot-Tisch. Der von Jean-Louis Trintignant gespielte Patriarch Georges Laurent bringt die Situation ein bisschen durcheinander. Oder vielleicht gerade auf den Punkt?

Schwarze Komödie mit Slapstick-Elementen

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Teenie Eve (Fantine Harduin) bringt mit ihren unverblümten Äußerungen Unruhe in die Familie.

"Happy End" ist eine schwarze Komödie - mit wunderbar verlangsamten Slapstick-Elementen: Der Film beginnt mit einem langen Kamerablick auf eine gigantische Baugrube der Familie Laurent. Plötzlich löst sich der Rand! Ein Erdrutsch reißt ein Klohäuschen in die Tiefe. Den ganzen Film hindurch wird die Unternehmenschefin Anne Laurent versuchen, den Schaden zu begrenzen. Oder besser die Schadenersatzansprüche der Familie eines tödlich verunglückten Arbeiters.

Isabelle Huppert spielt diese emsige, ungeduldige, schnippische Frau mit einer begeisternden Energie und Unruhe. Außerdem hat sie ihren nichtsnutzigen Sohn an der Backe, der ebenfalls in der Firma arbeitet, und ihren alten Vater, der ständig missglückende Selbstmordversuche unternimmt. Sein Geburtstag wird trotzdem groß gefeiert, inklusive Konzertbegleitung.

Verlogenheit und emotionale Blindheit

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Jean-Louis Trintignant spielt den lebensmüden Großvater Georges Laurent.

Nebenbei ist "Happy End" auch ein Film über unser aller emotionale Blindheit. Oder über ein mit sich selbst beschäftigtes, eingebunkertes Europa. Zu Beginn tritt der Tunnel zwischen England und Frankreich ins Bild, als Isabelle Huppert alias Anne Laurent über die Autobahn fährt - entlang des endlosen, stracheldrahtbewehrten Zauns, der Migranten am Grenzübertritt hindern soll. Für Anne Laurent ist diese Wand Wahrnehmungsroutine, eine Normalität, die schon gar nicht mehr verdrängt werden muss. Am heimischen Abendbrottisch unterbindet Trintignants Patriarch jede Auseinandersetzung. Etwa über den Alkoholkonsum seines Enkels.

Haneke konzentriert sich auf das Wesentliche

Wieder arbeitet Michael Haneke mit ruhigen Einstellungen, in denen eine fast unheimliche Spannung herrscht. Wieder ist das Drehbuch konzentriert auf das Wesentliche. Es braucht ja auch nicht viele Worte, um zu erzählen, dass im Clan der Laurents eine große Verlogenheit herrscht. Hier wird vergiftet, betrogen, werden Söhne aus der Firma geworfen - und alles schnell wieder unter den Teppich gekehrt. Umso überraschender die kurzen Momente der Wahrheit. Etwa wenn die 13-jährige Eve die Sex-Chats ihres Vaters auf dessen Computer entdeckt. Wenig später sagt sie ihm ins Gesicht, wie sie die Lage einschätzt.

Letztlich wirkt "Happy End" wie der Pilotfilm einer hochintelligenten Familiensoap. Mehrere Generationen und die Dienstboten unter einem Dach. Handlungsstränge, die kurz nach außen führen - und dann wieder in die Villa, in den Jugendstil-Bunker der Laurents. "Happy End" hat eines der großartigsten Kino-Enden überhaupt, eine absurde, schwarzhumorige Szene - und es ist kaum auszuhalten, dass man nicht sofort die nächste Folge der großen Laurent-Saga anschauen kann.

Happy End

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Frankreich, Österreich, Deutschland
Zusatzinfo:
mit Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz
Regie:
Michael Haneke
Länge:
108 Min.
FSK:
FSK ab 12 Jahren
Kinostart:
12. Oktober 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 12.10.2017 | 07:20 Uhr

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