Stand: 21.08.2020 16:00 Uhr

Kultfilm-Anwärter "Es war einmal Indianerland"

von Walli Müller/Patricia Batlle

Wer bin ich? Was will ich im Leben? Und wie ist das mit der Liebe? Der 17-jährige Mauser ist nicht der erste jugendliche Filmheld, der sich diese Fragen stellt. "Es war einmal Indianerland" ist der klassische Coming-of-Age-Film - und doch erfrischend anders. Der Film beginnt mitten in Mausers Geschichte, die er mal vor- und mal zurückspult. Ilker Çatak brachte Nils Mohls Kultroman 2017 ins Kino. Im Rahmen von 20 Jahre Filmdebüt lief der Film im Ersten und ist noch bis zum 29. September in der ARD Mediathek zu sehen.

Mauser (Leonard Scheicher), für den es bis dato nur sein Box-Training und den entscheidenden Kampf in neun Tagen gab, verliebt sich nachts bei der verbotenen Freibad-Party Hals über Kopf in Jackie.

Szene aus der Verfilmung des Jugendbuches "Es war einmal Indianerland" © Camino Filmverleih
Der verliebte Mauser hält um Jackies Hand an.

Eigentlich ist die Schöne aus dem Villen-Viertel für den Jungen aus der Hochhaussiedlung unerreichbar. Aber so beherrscht Mauser im Box-Ring ist, so kopflos stürzt er sich in dieses Abenteuer. Unfassbar sexy ist diese Jackie, gespielt von Shooting-Star Emilia Schüle. Aber da ist auch noch Edda: Liebenswert altmodisch. Sie fährt Käfer und schreibt Postkarten. Kann man sein Herz gleichzeitig an zwei Mädchen verlieren...?

Çataks eigene künstlerische Handschrift

Nicht nur die Dialoge haben einen ganz eigenen Zauber. Der deutsch-türkische Regisseur Ilker Çatak hat für sein Langfilm-Debüt auch eine aufregende Filmsprache gefunden. Die nächtlichen Freibad-Szenen, in atemberaubend schöne, psychedelische Blau-Rosa-Töne getaucht, spiegeln auf geniale Weise den jugendlichen Gefühls-Rausch.

Um Mut geht es auf jeden Fall: den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen, aber auch anderen zu vertrauen. Auf seinen Vater nämlich, der eben seine Stiefmutter im Affekt umgebracht hat, kann Mauser nicht bauen.

Rasant komisch spult der Film den introvertierten Helden von einer unkontrollierten Situation in die nächste. Denn Mausers Leben steckt voller schräger, unberechenbarer Typen. Und dann hat er noch Visionen. Er fühlt sich von jemandem verfolgt: "Ich sehe die ganze Zeit einen Indianer."

Schräger Film über das Erwachsenwerden

Der Hauptdarsteller Scheicher, eine Entdeckung fürs Kino, musste für die Rolle vier Monate hart trainieren und ordentlich Muskeln zulegen, wie Regisseur Ilker Çatak erzählt: "Leonard Scheicher war beim Casting noch ein Strich in der Landschaft, alles andere als ein Boxer."

Romanautor Nils Mohl hat das Drehbuch mit verfasst. Er ist in Hamburg-Jenfeld groß geworden, wo - neben Mümmelmannsberg, am Lütjensee und in der City Nord - ein paar Tage gedreht wurde: "Es hat sich gelohnt, es hat ein paar hübsche Kulissen abgegeben", findet Mohl.

"Es war einmal Indianerland": Funkelnd, witzig und vielversprechend

Szene aus der Verfilmung des Jugendbuches "Es war einmal Indianerland" © Camino Filmverleih
Bjarne Mädel hat zwei Gastauftritte als mürrischer Taxifahrer.

Çatak gelingt ein wunderbar schräger Film über das Erwachsenwerden. Zum Elektro-Soundtrack von Acid Pauli erlebt der Zuschauer einen Trip ins Gemüt von Mauser - voller Gedankensprünge, Neonfarben, funkelnder Sterne, Aufputschmittel und Feenstaub; zwei herrliche Gastauftritte von Bjarne Mädel - einmal in der Rolle eines mürrischen Taxifahrers - inklusive.

Was für ein vielversprechendes Kino-Debüt von Ilker Çatak! "Es war einmal Indianerland" wirkt wie ein eisgekühlter Erdbeershake mit Energizer-Effekt, der im Geiste von "Trainspotting" das Zeug zum Kultfilm hat. Man muss kein Teenager sein, um diesem Teenie-Film sofort zu verfallen!

Anmerkung der Redaktion: Auf Das Erste äußert sich der Regisseur 2020 rückblickend auf sein Regiedebüt von 2017: "Filmisch ist 'Indianerland' deswegen so reizvoll, weil das Lebensgefühl als wilder Genremix in der Hauptfigur Mauser bereits verankert ist: Wir sehen einen leichtfüßigen Boxer, dessen emotionale Schwermut eine Romantik hergibt, die ihn träumen und zum Poeten werden lässt. So sehen wir einen Boxerfilm, einen Coming-of-Age-Film, einen Krimi, einen Western, ein Roadmovie - und das alles auf einmal, ohne dass das je albern werden würde." Das ganze Statement ist hier zu finden.

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Es war einmal Indianerland

Genre:
Komödie
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Leonard Scheicher, Johanna Polley, Emilia Schüle
Regie:
Ilker Catak
Länge:
97 Min.
FSK:
ab 12 Jahren
Kinostart:
19. Oktober 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 19.10.2017 | 19:00 Uhr

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