die platinblonde Titelheldin Ema (Mariana Di Girólamo) © Koch Films

"Ema": Pablo Larraíns Tanz-Drama aus Chile

Stand: 21.10.2020 17:19 Uhr

Vor vier Jahren wurde "Jackie: Die first Lady" von Pablo Larraín gefeiert. In seinem neuen Film "Ema" geht es ebenfalls um eine Figur, die versucht, die Kontrolle über ihr Leben wiederzuerlangen.

von Katja Nicodemus

Dieser Film ist vor allem ein Beat, ein Drive, ein Sound, ein Tanz zu einer Musik. Ihr Name: Reggaeton, eine Mischung aus Reggae, Hiphop und lateinamerikanischen Musikrichtungen. In Pablo Larraíns Film "Ema" tanzt die Titelfigur mit einer Gruppe Freundinnen durch die Hafenstadt Valparaíso. Diese Szenen sind das Herz des Films, Sinnbild einer Utopie der freien oder befreiten Körper.

Ja, "Ema" ist ein Film über Freiheit. Aber Freiheit wovon? Ema, die mitzwanzigjährige Tänzerin mit den streng zurückgekämmten platinblonden Haaren, ist verheiratet mit Gaston, dem Choreografen einer Hipster-Compagnie. Dem gemeinsamen Adoptivson hat Ema, wie soll man es anders sagen, "zurückgegeben", nachdem er das Haus der Familie abgefackelt hat. Die Gespräche des Paares sind voller Schuldzuweisungen, aber auch gnadenlos offen.

Trauerarbeit oder Selbstfindung?

Ema (Mariana Di Girólamo) und Gastón (Gael García Bernal) © Koch Films
Ema (Mariana Di Girólamo) und Gastón (Gael García Bernal).

Ema, gespielt von der jungen Schauspielerin Mariana Di Girólamo zieht los und die Kamera folgt ihr auf ihrem Trip. Man kann diesen Weg als eine übersteigerte Trauerarbeit bezeichnen oder als einen Weg zu einer anderen, neuen Mutterschaft. Oder auch als durchgeknallte Selbstfindung. Mit gleich mehreren Affären beginnt die junge Frau ein Doppelleben oder auch Dreifach- oder Vierfachleben. Niemand ist vor ihrem erotischen Hunger sicher. Auch nicht die Notarin, bei der sie ihre Scheidung einreichen will.

Ema, die sexuelle Zündlerin, ist auch eine Pyromanin im wörtlichen Sinne. Nachts zieht sie mit einem Flammenwerfer durch die Stadt, setzt rote Ampeln und Autos in Brand. Die Löscharbeiten übernimmt eines Nachts ein äußerst attraktiver Feuerwehrmann. Im Zweitberuf arbeitet er als Barmann - und wird damit zur Beute für Ema und ihren Trupp verwegener Freundinnen.

Gael García Bernal spielt spielt den Noch-Ehemann großartig

Immer wieder sieht man Ema und ihre Bande von Tänzerinnen, die sich zu den pulsierenden Beats durch die Stadtlandschaft von Valparaíso bewegen. Sie tanzen in Bussen, über Strandpromenaden, über die Tresen von Bars, sie versammeln sich nachts in einem Fußballstadion zu einem verschwörerischen Reigen.

Emas Noch-Ehemann, der Choreograf, ist wenig begeistert vom Street-Dance seiner Frau und deren Freundinnen. Vielleicht machen ihm dieser aggressive, sexualisierte Tanz mit den Hüftschwüngen und ausladenden Armbewegungen auch einfach Angst? Gael García Bernal spielt Gastons jedenfalls großartig.

"Das ist Knastmucke diese Art von Musik hört man im Gefängnis jeden verdammten Tag, echt Leute. Ein hypnotischer Rhythmus,  der einen verblödet, eine Illusion von Freiheit." O-Ton aus dem Film

Aber diese Illusion sieht nun mal fantastisch aus: Die Reggaeton-Tänze im Abendlicht der Hafenstadt, die Affären, der Sex, die Körper. "Ema" ist ein durchgeknallter Film, aber er folgt auch einem Plan. Emas Plan. In diesem Plan steckt eine Utopie, die Idee einer anderen Lebensform. Ob die Figuren des Films wohl dafür reif sind? In jedem Fall ist es begeisternd, sich gemeinsam mit ihnen von Ema mitreißen zu lassen.

Ema

Genre:
Spielfilm
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Chile
Zusatzinfo:
mit Mariana Di Girólamo, Gael García Bernal, Paola Giannini
Regie:
Pablo Larraín
Länge:
102 Min.
Kinostart:
22. Oktober 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 22.10.2020 | 07:20 Uhr

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