Stand: 07.05.2020 06:25 Uhr  - NDR Kultur

"Eine Geschichte von drei Schwestern" von Emin Alper

2019 lief im Wettbewerb der Berlinale ein formal wie inhaltlich außergewöhnlicher türkischer Film, sein Titel: "Eine Geschichte von drei Schwestern“. Dieser Film des Regisseurs Emin Alper gewann den Spezialpreis der Jury, und nun kommt er bundesweit  in die wieder eröffneten Kinos. Besonders ist zunächst einmal der Schauplatz: Ein von mächtigen Bergen eingekesseltes Dorf in Anatolien.

Der Regisseur Emin Alper im Porträt. © imago images / Seeliger Foto: Seeliger
Emin Alper ist in den Bergen Anatoliens aufgewachsen. Schon sein erster Spielfilm "Tepenin ardi - Beyond the Hill" (2012) spielt in dieser Region.

Katja Nicodemus, was sind das für drei Schwestern, was erleben sie in dem Dorf?

Katja Nicodemus: Wenn man vom Schauplatz spricht, dann ist zunächst mal interessant, wie dieser Film beginnt: mit einer Fahrt über eine Serpentinenstraße, die sich diesem, wie eingekesselten Dorf nähert. Eigentlich ist es nur eine Ansammlung von Häusern aus Stein und Holz. Und im Auto sitzt eine der Schwestern: Havva heißt sie. Sie wird ins Dorf zurück gebracht. Und dann erfahren wir den Hintergrund der Szene. Denn der verwitwete, ältere Vater hat seine Töchter nach einem alten Brauch als Pflege- oder Adoptivtöchter in die Stadt gegeben. Und in der wohlhabenden Pflegefamilie sollen sie ein besseres Leben führen und vielleicht Aufstiegschancen haben. Sie werden dort als Aushilfskräfte ausgebeutet, als Dienerinnen oder Kindermädchen. Und alle drei Schwestern kommen aus der Stadt wieder zurück. Reyhan, die Älteste, kam sogar mit einem unehelichen Kind zurück. Sie wurde zur vermeidlichen Ehrenrettung mit dem Hirten des Dorfes verheiratet. Nurhan, die Mittlere, kommt zurück, weil das Kind, um das sie sich kümmerte, gestorben ist. Und Havva, die Jüngste, wird zurückgeschickt, weil sie aufmüpfig ist. Und jetzt finden sich alle drei Schwestern wieder in der alten Wohnküche des Vaters zusammen.

"Ein Geschichte von drei Schwestern" - bei dem Titel denkt man natürlich an Anton Tschechows Theaterstück "Drei Schwestern". Spielt denn Emin Alper mit dieser Assoziation?

Nicodemus: Das Schöne ist, dass der Film keine Adaption von Anton Tschechows Stück ist. Er tritt aber in einen Dialog mit diesem Stück. Und Reyhan, Nurhan und Havva, die drei Schwestern, sind auch Schwestern im Geiste von Tschechows Schwestern Irina, Masha und Olga. Bei Tschechow ist der Flucht- und Sehnsuchtsort Moskau. Und in Alpers Film ist dieser Zufluchtsort die nahe Kleinstadt hinter den Bergen. Er ist selbst in einem anatolischen Dorf aufgewachsen. Auf der Berlinale hat Emin Alper erzählt, dass er in seiner Kindheit Märchen erzählt bekommen habe, und dass in der türkischen Märchenwelt eben junge Mädchen vom Lande von einem Prinzen träumen, der hinter den Bergen lebt. Und dieser Traum vom Prinzen wird in Emin Alpers Film zu einem brachial patriarchalischen Akt. Es ist der Vater, der seine Töchter verschickt und weggibt. Und es sind die Männer in der Stadt, die sie als Arbeitskräfte ausbeuten. Diesen jungen Frauen bleibt nicht viel vom Prinzentraum, aber das was sie dann tun, ist dann doch, diesen patriarchalischen Zyklus zu durchbrechen. Sie werden immer wieder zurückgeschickt, sie kommen immer wieder und immer wieder sieht man ein Auto diese Serpentinenstraße zum Dorf hoch fahren.

Eine Geschichte von drei Schwestern © imago images / Seeliger Foto: Seeliger
Emin Alper mit den Hauptdarstellerinnen Ece Yüksel, Helin Kandemir und Cemre Ebüzziya.

Wie würden Sie die Ästhetik und die Erzählweise des Films beschreiben?

Nicodemus: Dieser Film ist kein Sozialdrama. Er sucht immer wieder eine bühnenhafte Künstlichkeit und Stilisierung - auch bei zunächst realistischen Alltagsszenen. In einer langen Szene zum Beispiel sehen wir die älteste und die mittlere Schwester Ayran herstellen, das türkische Joghurtgetränk, das in einem an Seilen aufgehängten Fass geschlagen wird. Während die beiden das Fass schaukeln, führen sie ein sehr offenes Gespräch über Liebe und Begehren, Sehnsüchte und Sexualität. Und es entsteht eine sehr interessante Spannung zwischen der gleichförmigen, ländlichen Arbeitsbewegung, den Handgriffen und Verrichtungen, und den auf der anderen Seite sehr lebendigen, individuellen Sehnsüchten dieser Schwestern. Und überhaupt gibt es immer wieder solche Brechungen: Es gibt dort eine allein lebende Nachbarin, die plötzlich in der Landschaft Purzelbäume schlägt. Und die Natur ist in diesem Film auch nie pittoresk. Die Totalen des Dorfes wirken immer auch stilisiert. Manchmal sieht man nur weißen Nebel und die Steinhäuser erscheinen nur in Umrissen. Also das realistische Geschehen wird visuell immer wieder aufgebrochen.

Erzählt uns der Film auch etwas über die heutige Türkei?

Der Film erzählt natürlich viel über die mehr oder weniger rechtlose oder aufgeschmissene Stellung der Frauen, der drei Schwestern, in diesem Dorf auf dem türkischen Land. Aber wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass diese Frauen keineswegs nur Opfer sind, denn sie setzen ja auch ihren Kopf durch. Sie kommen wieder zurück. Sie lassen in der Stadt nicht alles mit sich machen. Und sie bringen auch das althergebrachte Gefüge in Bewegung. Emin Alper hat 2015 einen anderen hochspannenden Film gedreht, der "Abluka" hieß - deutscher Titel "Jeder misstraut jedem". Das ist ein düsterer Film, eine apokalyptische Vision der Türkei als totalitaristisch unterdrückte Gesellschaft, in der jeder jeden bespitzelt. Also, wenn man so will, auch ein Spiegel von Erdogans Türkei, oder der von ihm umgebauten Türkei. Emin Alpers Film ist durchlässiger, zarter, auch humorvoller. Und auch wenn diese drei Schwestern erst einmal in der Wohnküche des Vaters feststecken, hat man doch das Gefühl, dass sie dieses Dorf eines Tages wieder über die Serpentinenstraße verlassen werden oder verlassen können. Also, es ist etwas in Bewegung.

Das Interview führte Philipp Schmid.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 30.04.2020 | 06:20 Uhr

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