Stand: 03.10.2018 07:20 Uhr

"Werk ohne Autor": Film mit fragwürdigen Motiven

Werk ohne Autor
, Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Im Jahr 2006 drehte der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck einen Film über einen Stasi-Mitarbeiter, der die Ostberliner Kulturszene bespitzelt. "Das Leben der Anderen" gewann den Oscar des besten fremdsprachigen Films. Nun hat von Donnersmarck wieder einen Film gedreht, der von deutscher Seite für die Oscar-Vorauswahl eingereicht wurde: "Werk ohne Autor" über den Werdegang des Malers Gerhard Richter. Bei den Filmfestspielen von Venedig rief der Film kontroverse Reaktionen hervor und ging leer aus.

Wenn ein Künstler einen Film über einen anderen Künstler dreht, macht er auch eine Aussage über den eigenen Kunstbegriff. Zu Beginn seines Films "Werk ohne Autor" zeigt der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck eine Ausstellung sogenannter entarteter Kunst am Ende der 1930er-Jahre. Mit einem gewissen Hang zum Chargieren spielt Lars Eidinger den Museumsführer, der klarmacht, was von den ausgestellten Werken zu halten ist: nämlich nichts.

Szenen aus "Werk ohne Autor"

Hauptrolle lose an Leben Gerhard Richters angelehnt

Nein, mit der Nazi-Kunst will dieser Film nichts zu schaffen haben, genauso wenig wie der Künstler, der im Zentrum von "Werk ohne Autor" steht. Als kleiner Junge besucht Kurt Barnert die Ausstellung mit seiner jungen Tante - und zeigt sich eingeschüchtert vom Vortrag des Museumsmannes.

Der Werdegang von Tom Schillings Figur des Kurt Barnert ist lose an die biografischen Stationen von Gerhard Richter angelehnt. Nach der Kindheit in der Nazizeit springt der Film zu Barnerts/Richters Ausbildung zum "Staatsmaler" in der frühen DDR. In Dresden besucht er die Kunstakademie und bandelt mit Ellie (Paula Beer) an.

Flucht in den Westen

Kurt und Ellie heiraten, gemeinsam fliehen sie in den Westen, wo Barnert an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert. Die Versuche seiner Mitstudenten in Sachen moderner Kunst, ihre Klecks-, Installations- und Performance-Experimente werden von dem Film ähnlich herabgesetzt wie die sogenannte entartete Kunst in der Anfangsszene. Doch dann begegnet Kurt Barnert einem Lehrer mit Filzhut, der sehr nach Joseph Beuys aussieht, und ihm klarmacht, worauf es ankommt: "Indem ihr euch frei macht, macht ihr die Welt frei."

Joseph Beuys als Guru eines mystischen Kunstbegriffes

Gerhard Richter hat in Wirklichkeit nie bei Joseph Beuys studiert, doch Donnersmarck benutzt Beuys als Guru eines mystischen Kunstbegriffes. Bei der kreativen Erleuchtung seiner Hauptfigur lässt er denn auch gewaltig die Baumblätter vor dem Atelierfenster rauschen. In dem Werk, das Barnert nun malt, nein, das durch ihn hindurchfließt, zeigt er seine Tante, die dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer fiel - und seinen Schwiegervater, der als SS-Mitglied und Arzt an der Organisation dieses Programmes beteiligt war. Diesen Schwiegervater spielt Sebastian Koch nicht uneitel zwischen Nazi-Dämon und Opportunist mit kapitalistischer Selbstoptimierungsphilosophie.

Viele fragwürdige Motive und Elemente

Es gibt in "Werk ohne Autor" viele fragwürdige Motive und Erzählelemente. Etwa Paula Beers Figur, die ständig nackt im Bild zu sehen ist und letztlich eine reine Gebärfunktion erfüllt - bis hin zur Parallelführung von Barnerts künstlerischer Fruchtbarkeit und ihrer körperlichen Fruchtbarkeit. Wenn der Maler malt, klappt es plötzlich mit dem Sex und der Schwangerschaft.

Weitere Informationen

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Am problematischsten ist jedoch eine Szenenfolge, in der Donnersmarck den Gaskammertod der Tante des Malers parallel montiert mit Bildern des im Bombenhagel brennenden Dresden und fallender Wehrmachtssoldaten. Zu Barockmusik werden die Opfer gleichgestellt.

Nicht alle Verbrechen sind heilbar

Letztlich macht der Film die deutsche Geschichte zum Material für den Künstler, der sie in Bilder verwandelt. Diese Transformation von historischen Traumata in Kunst hat einen merkwürdigen Beigeschmack in diesem Film. Als sei alles ein höherer Plan, der in die Kunst mündet. In Bilder, die alles gut ausgehen lassen und rückwirkend alles versöhnen und heilen. Wenn aber etwas aus unserer Geschichte zu lernen ist, dann, dass nicht alle Verbrechen heilbar sind.

Werk ohne Autor

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer
Label:
Walt Disney Germany
Regie:
Florian Henckel von Donnersmarck
Länge:
189 Minuten
FSK:
ab 12 Jahren
Kinostart:
3. Oktober 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 04.10.2018 | 07:20 Uhr

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