Stand: 07.05.2019 12:09 Uhr

Filmdrama: Mord an der eigenen Schwester

Nur eine Frau
, Regie: Sherry Hormann
Vorgestellt von Walli Müller

Der Fall hat 2005 Schlagzeilen gemacht: Eine junge Deutsch-Kurdin, Hatun Aynur Sürücü, wird in Berlin auf offener Straße erschossen - von ihrem kleinen Bruder. Ein sogenannter Ehrenmord, der das Leben der 23-jährigen jungen Mutter auslöscht. Was hat sie getan, um so bestraft zu werden? Vor welchem gedanklichen Hintergrund ist einer fähig, die eigene Schwester mit drei Kopfschüssen hinzurichten? Diesen Fragen geht Regisseurin Sherry Hormann nach in ihrem Film "Nur eine Frau".

Aynurs (Almila Bagriacik) erzwungene Hochzeit mit Botan - Szene aus dem Film "Nur eine Frau" © NFP Foto: Mathias Bothor

Filmtrailer: "Nur eine Frau"

Sherry Hormann ist mit ihrem Film "Nur eine Frau" ein zutiefst berührendes Porträt der Kurdin Aynur Sürücü gelungen, die von ihren Brüdern auf offener Straße ermordet worden ist.

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Der ermordeten Aynur wird eine Stimme gegeben

"Das bin ich. Mein Bruder hat mich erschossen im Februar 2005. Ich war ein Ehrenmord. Der erste, der so richtig fett Presse hatte. Vielleicht denkt Ihr: na und? Alles schon so lange her. Kann die nicht einfach tot bleiben? Stimmt, ich bin tot. Hab ich mir auch anders vorgestellt." Dass eine Tote spricht - im rotzigen Tonfall einer Berliner Göre -, mag kurz irritieren. Es ist aber konsequent für einen Film, in dem es darum geht, dem Opfer eine Stimme zu geben.

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Aynur (Almila Bagriacik) macht eine Ausbildung zur Elektroinstallateurin.

In Deutschland, mitten in Berlin können Lebensläufe von Mädchen immer noch so aussehen wie der von Aynur: Mit 15 nehmen ihre Eltern sie vom Gymnasium und verheiraten sie in der Türkei. Der Ehemann entpuppt sich als Schläger; da steigt Aynur in den Bus und kehrt heim zur Familie - hochschwanger, aber nicht bereit, in ihre Ehehölle zurückzugehen. Das nehmen Mutter, Vater und Brüder zähneknirschend hin; nicht aber, dass sie mit ihrem Säugling eines Tages ausziehen will.

Für kurdische Frauen gelten strenge Regeln

Die Sache mit der "Ehre": Wie der Begriff im Umfeld dieser streng religiösen kurdischen Familie zu verstehen ist, erklärt Aynur als Kommentatorin aus dem Off. Ergänzend werden auf Texttafeln die Regelverstöße aufgelistet, die Frauen nach dieser Logik begehen können: "Zur Schande werden heißt: mit den Traditionen zu brechen. Zur Schande werden heißt: einen eigenen Willen zu haben. Nicht den Regeln der Familie zu folgen und damit ihre Ehre zu verletzen."

Auch die Erwerbstätigkeit einer Frau - in Deutschland heute selbstverständlich - ist in diesem Kontext "Schande". Und der Film zeigt auch, wie Aynurs Brüder, die mit diesen Denkmustern groß geworden sind, darunter leiden, dass ihre Schwester plötzlich eine Ausbildung zur Elektroinstallateurin macht und mit Freundinnen Tanzen geht.

Aynurs Leben, nicht ihr Tod, ist Thema des Films

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Im Kreise ihrer Schwestern fühlt Aynur sich glücklich und unbeschwert.

Die Filmemacher haben im Vorfeld sehr genau recherchiert, um die Fakten und Aynurs Persönlichkeit möglichst genau einzufangen. Im Vordergrund steht nicht die Tragödie, sondern das Leben, das sie gelebt hat. Aynur, die mit ansteckender Lebensfreude gespielt wird von Almila Bagriacik, muss nicht 90 Minuten lang das bedauernswerte Opfer sein, sondern sie darf selbst handeln und mutig ihren Weg gehen. Nur dass sie von ihrer geliebten Familie nicht lassen kann, wird ihr zum Verhängnis.

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Das heißt aber nicht, dass hier pauschal Muslime verurteilt werden, betont Sandra Maischberger, die den Film produziert hat. "Es geht nicht darum, dass wir sagen, hier sind die Ausländer, hier sind die Deutschen. Wir sagen auch nicht, hier sind die Muslime und hier sind die Christen. Wir sagen, hier ist Fundamentalismus und hier ist Menschenrecht. Das ist die Trennlinie. Wir haben ja auch gearbeitet mit diesen wunderbaren jungen Schauspielern, die alle Migrationshintergrund haben. Die alle natürlich auch einen muslimischen Hintergrund haben. Und: Wir sind eins, wir sind stehen zusammen, wir sind die Mitte."

Sherry Hormann ist ein zutiefst berührendes Porträt Aynur Sürücüs gelungen, die für ihre Brüder "nur eine Frau" war. Sehenswert und brisant macht den Film aber auch, dass sie nur eine Frau von vielen ist, denen ein selbstbestimmtes Leben sogar hier in Deutschland verwehrt bleibt.

Nur eine Frau

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Almila Bagriacik, Rauand Taleb, Aram Arami
Regie:
Sherry Hormann
Länge:
96 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
9. Mai 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 08.05.2019 | 06:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/film/Drama-Nur-eine-Frau,nureinefrau102.html

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