Stand: 31.05.2017 14:30 Uhr

Eine Familie zerfällt in der untergehenden DDR

In Zeiten des abnehmenden Lichts
, Regie: Matti Geschonneck
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Vor sechs Jahren erschien der Roman "In den Zeiten des abnehmenden Lichts" von Eugen Ruge. Er wurde von der Kritik gefeiert, gewann Preise und blieb monatelang auf den Bestsellerlisten. Regisseur Matti Geschonneck hat ihn verfilmt, mit einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase. Auf der vergangenen Berlinale erlebte der Film seine Premiere, nun kommt er ins Kino.

Es ist ein großer Tag für Wilhelm Powileit in diesem Ostberliner Herbst des Jahres 1989. Er bekommt nicht nur den Stern der Völkerfreundschaft verliehen, er feiert noch dazu seinen 90. Geburtstag. Powileit ist Ex-Exilant, Ex-Widerstandskämpfer, glühendes SED-Mitglied. Bruno Ganz spielt ihn mit einer starrsinnigen Granteligkeit. Sein Powileit hat in seinem Leben wohl wenig Widerspruch erfahren. Mit seiner Frau verbindet ihn eine Hassliebe. Sie träumt davon, ihn zu vergiften. Er terrorisiert sie mit Aufbewahrungssystemen für die Geburtstagsblumen.

Draußen zerbröckelt gerade die DDR. Aber das verdrängt Wilhelm Powileit. Zumindest heute. In der holzgetäfelten Ostberliner Villa ist die Zeit stehen geblieben. Eigentlich hat Powileits Enkel Sascha immer den Tisch fürs Geburtstagsbüffet aufgebaut. Der Enkel ist in den Westen geflohen, doch das wird noch verschwiegen. Aber der Tisch und das Buffet müssen stehen, als könnten solche Symbole, Gewohnheiten und Rituale den Zusammenbruch des Sozialismus aufhalten.

Erstklassiges Ensemble

Für seine Verfilmung von Eugen Ruges Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" versammelt der Regisseur Matti Geschonneck eine Riege erstklassiger deutscher Schauspieler: Sylvester Groth, Angela Winkler, Hildegard Schmahl, Alexander Fehling. Sie verschmelzen zu einem historischen Moment der DDR - und zu einem gesamtdeutschen Geschichtsgefühl. Denn schließlich weisen die Biografie- und Schicksalslinien in Powileits Haus in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, in Lebens- und Fluchtwege zwischen den beiden deutschen Staaten. Deshalb kann der frühere Schaubühnendarsteller Bruno Ganz hier mühelos eine sozialistische Legende spielen. Einen DDR-Verteidiger und ewigen Stalinisten. Von der Sowjetunion und ihren Politikern fühlt sich Powileit verraten. 

Der große Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase hat Eugen Ruges Romanvorlage auf geradezu geniale Weise verdichtet. Im Kern dieses Films über die Auflösung eines Staates steht die Geschichte einer sich auflösenden Familie. Sie handelt von Powileits Sohn, gespielt von Sylvester Groth, der von seinem Vater zeitlebens unterdrückt wurde. Vom abwesenden Enkel, der schon drüben, in Westdeutschland ist. Von dessen russischer Mutter, die sich an diesem Nachmittag hemmungslos betrinkt - um ihrer Schwiegermutter ein paar Wahrheiten an den Kopf zu werfen.

Entschwundene Hoffnung

"In Zeiten des abnehmenden Lichts" ist ein melancholischer Film. Er handelt von entschwundenen Hoffnungen und zersplitterten Utopien. Aber es ist auch ein Film der leisen Komik. Denn hier kollidieren auf durchaus unterhaltsame Weise zwei Zeitempfindungen. Die Zeit derer, die wissen, dass es mit dem Sozialismus vorbei ist - und die Wahrnehmung derer, die das noch nicht kapiert haben. Etwa die Gratulanten der Brigade Wilhelm Powileit, die stolz ihr neues Produktionsziel verkünden.

"In Zeiten des abnehmenden Lichts" ist eine zutiefst deutsche Geschichte. Eine feinsinnige Momentaufnahme. Dieser Film zeigt die DDR in ihrer spätsozialistischen Absurdität und verrät dennoch nicht die Hoffnungen, die zu ihrer Gründung führten.

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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Bruno Ganz, Hildegard Schmahl, Sylvester Groth
Regie:
Matti Geschonneck
Länge:
101 Min.
FSK:
FSK ohne Altersbeschränkung
Kinostart:
1. Juni 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 01.06.2017 | 07:20 Uhr

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