Stand: 20.04.2016 11:30 Uhr

Szenen einer Ehe: "Die Kommune"

von Katja Nicodemus

Schon immer hat der Däne Thomas Vinterberg Filme über Gemeinschaften gedreht, die in extreme Situationen geraten. In "Das Fest" konfrontiert ein Sohn seinen Vater mit der Tatsache, dass dieser ihn jahrelang missbraucht hat. In "Jagd" wird ein vermeintlicher Kinderschänder von der Bevölkerung eines Dorfs schikaniert. Nun erkundet Vinterberg mit "Die Kommune" die Fliehkräfte, die eine solche Lebensform in einer Ehe auslösen kann.

Experiment Wohngemeinschaft

Nein, es sieht nicht so aus, als könne Erik sein Elternhaus behalten - die stattliche Villa in einem Vorort von Kopenhagen, diese Kindheitserinnerung aus Stein, Holz und Glas. Aber dann hat seine Frau Anna die überraschende Idee, in einer Kommune zu leben.

So ganz überraschend ist das alles dann doch nicht, denn Thomas Vinterbergs Film "Die Kommune" spielt im Dänemark der 70er-Jahre. Erik, ein erfolgreicher Architekt und Dozent, und Anna, eine ebenso erfolgreiche Fernsehmoderatorin, sind geprägt vom Geist der Zeit. Warum nicht mal versuchen, mit ein paar alten und neuen Bekannten zusammmenzuleben? Wobei die nun entstehende Kommune hier zunächst weniger aus weltanschaulichen Gründen entsteht.

Die neue Lebensform führt zu dramatischen Veränderungen

"Die Kommune" ist eine Versuchsanordnung. Wie ein Insektenforscher betrachtet Thomas Vinterberg, was sich im Labor der Mitbewohner ereignet. Da sind die etwas peinlichen Versammlungen, in denen die Mitglieder über Anschaffungen diskutieren, über die Bierkasse, die immer leer ist. Und da sind die kleinen und großen Veränderungen, die so ein Gemeinschaftsleben mit sich bringt. Beflügelt von der neuen Lebensform, beginnt Erik eine Affäre mit einer Studentin. Die ausgerechnet von seiner kleinen Tochter entdeckt wird.

Erik und Anna werden gespielt von Ulrich Thomsen und Trine Dyrholm, die für diese Rolle als beste Darstellerin der vergangenen Berlinale ausgezeichnet wurde. Es ist ja auch ergreifend, wie sie diese Frau spielt, die ihren Mann liebt. Die versteht, weshalb er sie verletzt. Die versucht, alles zu integrieren, zu rationalisieren, zu organisieren. Die versucht, ihre Verzweiflung durch Großherzigkeit gegenüber dem Mann und der Geliebten zu überwinden.

Vinterbergs Film wirft Fragen auf

Ein Mensch hört auf, einen Menschen zu lieben und fängt an, einen anderen Menschen zu lieben. Warum ist das so? Ist es die Kommune, die das alles auslöst? Oder ist es der Lauf der Welt? Kann man dagegen angehen? Sollte man überhaupt? Das wären die Fragen, die ein solcher Film aufwerfen könnte. Stattdessen fixiert Thomas Vinterberg seinen Blick aber auf Anna, die Betrogene. Er filmt ihren Schmerz, ihre Demütigung - und er schickt sie in Szenen, die kaum auszuhalten sind, weil man als Zuschauer weiß, dass sich hier eine Frau in ihr Verderben redet. Etwa wenn sie im Gespräch mit der Rivalin das verdrängt, was der Film längst zu ihrem Schicksal gemacht hat.

Vinterbergs Film hat einen moralinsauren Unterton. War es nicht Anna, die die neue Lebensweise wollte? Warum konnte sie sich nicht mit der ehelichen Langeweile oder: Routine arrangieren? Sieht sie sich nicht den libertären Geistern ausgesetzt, die sie rief? So ist "Die Kommune" auch die Chronik einer Bestrafung. Anna wird nicht nur betrogen, verliert nicht nur die Liebe ihres Mannes, sie beginnt auch noch zu trinken, bringt sich um ihren Job beim Fernsehen. Parallel zu diesem Drama entwickelt die WG zuhause - zum Glück - auch ihre unfreiwillig komischen Seiten. Wie war das noch? Sinn und Zweck der Kommune bestehen ja eigentlich in der Tatsache, dass es keinen Chef gibt.

Vinterbergs Fazit: Kommunen sind nicht als Frischzellenkur für eine Ehe geeignet. Zumindest so viel ist klar: Wer diesen Film gesehen hat, wird sich dreimal überlegen, ob er je - oder je wieder - in eine WG zieht. Man fragt sich, ob es nicht endlich an der Zeit ist, einen positiven Film über die Lebensideen der 68-er Bewegung zu drehen.

Die Kommune

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2016
Produktionsland:
Dänemark, Niederlande, Schweden
Zusatzinfo:
mit Ulrich Thomsen, Trine Dyrholm, Helene Reingaard Neumann
Regie:
Thomas Vinterberg
Länge:
112 min
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
21. April 2016

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 21.04.2016 | 07:20 Uhr

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