Stand: 02.04.2020 09:39 Uhr  - NDR Kultur

Das karge Leben in den Bergen Mazedoniens

Land des Honigs
, Regie: Tamara Kotevska, Ljubomir Stefanov
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Der Dokumentarfilm "Land des Honigs" kann sich nicht über mangelnde Anerkennung beklagen: Hauptpreis beim Festival in Sundance, nominiert für den europäischen Filmpreis und: zwei Oscar-Nominierungen - als bester Dokumentarfilm und als bester nicht englischsprachiger Film. Nun kommt der Film des mazedonischen Regie-Duos Tamara Kotevska und Ljubomir Stefanov online und als DVD heraus. Filmkritikerin Katja Nicodemus hat ihn gesehen.

Um welches Honigland geht es da?

Katja Nicodemus: Dieses Land des Honigs, das ist Mazedonien, ein verlassenes Bergdorf im Norden des Landes. Zwischen halb verfallenen Steinhäusern lebt Hatidze, eine Frau um die 50. Jeden Tag macht sich diese Frau auf in die Berge, um nach ihren wilden Bienen zu schauen.

Im Spätsommer und im Herbst erntet sie den Honig. Diesen verkauft sie jede Woche in einer nahen Kleinstadt auf dem Markt. Man sieht, wie sie es genießt, aus der Einsamkeit herauszukommen. Mit dem Honig ernährt sie sich und ihre bettlägerige alte Mutter. Wir erleben in diesem Film den Alltag im Rhythmus der Jahreszeiten.

Eines Tages bricht in diese Welt voller Ruhe und Gleichmaß ein andere Lebensform ein: eine laute, lebhafte, lebendige Nomadenfamilie mit vielen Kindern, 150 Kühen und Wohnwagen. Hatidze, unsere Heldin, welche in diesem Dokumentarfilm die Größe einer Spielfilmheldin hat, freundet sich mit den neuen Nachbarn und Nachbarinnen an, besonders mit dem 12-jährigen Sohn. Diesem bringt sie das Handwerk des Imkerns, also ihrer Lebensgrundlage bei - vor allem die Nachhaltigkeit und den Respekt vor der Natur. Wenn sie zum Beispiel den Honig entnimmt, singt sie immer ein uraltes Lied, und sie nimmt immer nur die Hälfte des Honigs und lässt den Rest den Bienen. Das ist ihre eiserne Regel.

Der Vater der Familie entdeckt das Imkern dann ebenfalls als Geldquelle. Er macht es ihr nach und stellt Bienenstöcke auf. Und jetzt erleben wir die Gier. Denn er entnimmt immer den ganzen Honig aus seinen Bienenstöcken, was die Tiere hungrig und aggressiv macht, sodass sein Bienenvolk Hatidzes Bienen angreift und ihre Lebensgrundlage in Gefahr gerät.

Das klingt letztlich so dramatisch wie ein Spielfilm. Ist die Handlung denn auch - zumindest zum Teil - inszeniert?

Nicodemus: Die Dokumentarfilmer Tamara Kotevska und Ljubo Stefanov wollten ursprünglich einen Film über die mazedonische Landschaft und Region drehen. Dabei haben sie Hatidze, diese gelassene friedvolle Frau mit dem wettergegerbten Gesicht entdeckt, die im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten lebt.

Die beiden Filmemacher lebten ganze drei Jahre in ihrer Nähe, weil sie das so spannend und interessant fanden. Sie drehten Hunderte von Stunden Material und erzählten im Vorfeld der Oscar-Verleihung, dass sie erst im Nachhinein die wirkliche Dramatik ihrer Filmerzählung verstanden haben. Denn die Dialoge waren in Türkisch.

Hatidze gehört zur türkischen Minderheit des Landes. Erst als die Dialoge transkribiert wurden, erkannten die beiden die wahre Dramatik dieser Geschichte, in der Nachhaltigkeit und Gier aufeinanderprallen, Kapitalismus und Natur.

Vielleicht können Sie die Bilder, die Sie so beeindruckt haben, noch ein wenig beschreiben?

Nicodemus: Die Bilder dieses Films sind von einer überwältigenden Schönheit. Sie wirken aber nie gestellt. Allein wegen der Bilder lohnt es sich, diesen Film, der in Deutschland fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit in die Kinos gekommen ist, anzuschauen.

Es gibt zum Beispiel einige Drohnenaufnahmen von Hatidze in der Landschaft. Drohnenaufnahmen werden zwar heutzutage im Kino inflationär eingesetzt. Doch hier machen sie Sinn, weil sich diese Imkerin allein in der Weite dieser Berglandschaft und der Steppen bewegt. Man bekommt dadurch ein Gefühl für ihre Lebensform und ihre Bewegung in der Natur.

Sehr berührend und beeindruckend sind auch die Aufnahmen in dem kleinen Steinhaus, in dem Hatidze mit ihrer Mutter lebt. Sie füttert und pflegt sie, spricht liebevoll mit ihr. In diesen dunklen Räumen wird mit einem besonders lichtempfindlichen Material gedreht. Die Bilder wirken dadurch wie Gemälde.

Die spärlichen Lichtquellen, ein kleines Fenster und der flackernde Ofen, wirken sehr atmosphärisch. Trotzdem überschreiten diese Bilder nie die Grenze zum Kitsch. Vielmehr bekommt man dadurch ein Gefühl für die Einfachheit, für die Mühsal dieses Lebens gerade im Winter, aber eben auch für die Würde und Schönheit, mit der Hatidze dieses Leben lebt.

Sie sagen, der Film sei praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit ins Kino gekommen - wie kann das geschehen?

Nicodemus: Obwohl der Film für die Oscars nominiert wurde, bekam er in Deutschland wenig Aufmerksamkeit, denn er kam in einer Woche in die deutschen Kinos, in der es eine erdrückende Konkurrenz gab. Insgesamt 16 Filme sind an diesem Novembertag im vergangenen Jahr gestartet, etwa eine Stephen-King-Verfilmung und "Marriage Story" von Noah Baumbach. Dadurch bekam der Film so gut wie keine Kritiken.

Es gab vier oder fünf weitere Dokumentarfilme, die in dieser Woche in die Kinos kamen. In Deutschland haben den Film nur ein paar Hundert Menschen gesehen. Er ist völlig untergegangen. Insofern ist es schön, dass er jetzt im Netz seine eigentliche Premiere erlebt und ich kann ihn wirklich nur jedem und jeder sehr ans Herz legen.

"Land des Honigs", der Dokumentarfilm des mazedonischen Regie-Duos Tamara Kotevska und Ljubomir Stefanov, wird zum Streamen auf mehreren Streaming-Plattformen angeboten, die DVD erscheint bei dem Label "Goodmovies".

Land des Honigs

Genre:
Dokumentation
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Mazedonien
Zusatzinfo:
mit Hatidze Muratova, Nazife Muratova, Hussein Sam
Regie:
Tamara Kotevska, Ljubomir Stefanov
Länge:
86 Min.
FSK:
ab 6 Jahre
Kinostart:
2. April 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 02.04.2020 | 07:20 Uhr