Stand: 07.02.2020 11:32 Uhr  - NDR Kultur

"Die Wütenden" zeigt die sozialen Brennpunkte von Paris

Die Wütenden - Les Misérables
, Regie: Ladj Ly
Vorgestellt von Katja Nicodemus

"Die Wütenden" heißt ein Film des französischen Regisseurs Ladj Ly, im Original "Les Misérables". Das ist auch der Titel eines Romans von Victor Hugo, mit dem sich der Film den Schauplatz teilt, den heutigen Pariser Vorort Montfermeil. Der Film wurde in diesem Jahr für den Oscar des besten nicht-englischsprachigen Film nominiert, bei den vergangenen Filmfestspielen von Cannes gewann er den Preis der Jury.

Filmtrailer: "Die Wütenden - Les Misérables"

"Die Wütenden" von Ladj Ly ist mitreißend inszeniert und gespielt. Doch fragt man sich in manchen Momenten, ob sich der Film nicht zu sehr vom Adrenalin und Testosteron seiner Figuren steuern lässt.

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Der introvertierte Polizist Stéphane (Damien Bonnard) ist seiner Ex-Fau und dem gemeinsamen Sohn in einen Pariser Vorort hinterhergezogen. Hier wird er seinen Kollegen Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djibril Zonga) für Patrouillenfahrten zugeteilt.

Gangs beherrschen die Pariser Banlieues

Im Pariser Vorort Montfermeil herrscht hoher sozialer Druck. Chris ist ein Alphamännchen, ein Macho und Rassist, der sich nicht nur für das Gesetz, sondern auch für den Chef des Viertels hält. Nicht zimperlich sein - was das in den Augen von Chris bedeutet, wird schon bei der ersten Fahrt durchs Viertel klar.

Mehrere Gangs teilen das Viertel unter sich auf - und die Polizei versucht, alle mit den gleichen Mitteln zu kontrollieren: Gewalt und Einschüchterung. Die so entstehenden Konflikte und Konfrontationen inszeniert der Regisseur Ladj Ly, der selbst in Montfermeil aufgewachsen ist, mit großer Dynamik.

Gestohlenes Löwenbaby sorgt für einen neuen Konflikt

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Langeweile bringt die Jugentlichen auf dumme Ideen.

Ein Junge des Viertel hat aus einem am Stadtrand kampierenden Wanderzirkus ein Löwenbaby gestohlen. Mit Stöcken bewaffnet suchen die Zirkusleute den "Bürgermeister", eine Art illegales Oberhaupt des Viertels auf. Die Situation eskaliert. Aber ist dieser Film nicht sowieso eine einzige langsame Eskalation?

"Die Wütenden" ist mitreißend inszeniert und gespielt. Doch fragt man sich in manchen Momenten, ob sich der Film nicht zu sehr vom Adrenalin und Testosteron seiner Figuren steuern lässt. Über weite Strecken erscheint es, als reproduziere der Film die Ghettobilder, gegen die er eigentlich anerzählen will. Immerhin: Völlig quer zum Klischee steht die Figur eines muslimischen Imbissbetreibers und religiösen Lehrers, an den sich Stéphane auf der Suche nach dem Löwenbaby wendet.

Frauen sind in "Die Wütenden" unterrepräsentiert

Die Suche nach dem Löwen und seinem Dieb, die überschießenden Konflikte sowie eine Drohnenaufnahme, auf der ein Vorfall brutalster Polizeigewalt zu sehen ist - angesichts all' dieser Ereignisse ist man geradezu froh über Szenen, in denen nichts oder wenig geschieht oder einfach Chaos herrscht. Etwa beim Versuch einer illegalen Hausdurchsuchung.

Ein Problem von "Die Wütenden" besteht darin, dass die Bewohnerinnen des Viertels nur durch winzige Nebenrollen repräsentiert sind. Dass sich hier ausschließlich Männer in einer Männerwelt hochschaukeln, ohne dass Sexismus und Mackertum in Frage gestellt oder wenigstens beleuchtet würden.

Es gibt einen utopischen Moment. Wenn die Kinder und Jugendlichen merken, dass sie für alle, für die Polizisten wie für die selbsternannten Ghettokings, nur Statisten für deren Geschäften und Selbstdarstellungen sind. Die Jugend probt die Revolution - noch mit Wasserpistolen.

Die Wütenden - Les Misérables

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Frankreich
Zusatzinfo:
mit Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djebril Didier Zonga
Regie:
Ladj Ly
Länge:
102 Min.
FSK:
ab 16 Jahre
Kinostart:
23. Januar 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 23.01.2020 | 07:20 Uhr

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