Stand: 17.06.2020 16:23 Uhr

"Die Weite der Nacht" - Sci-Fi-Grusel ohne Schnickschnack

von Hartwig Tegeler

Vielleicht hat ja der von Corona erzwungene Blick auf die Streaming-Plattformen ein Gutes: Es fallen Filme ins Auge, die im normalen Kinobetrieb kaum Beachtung fänden. Der Science-Fiction-Film"Die Weite der Nacht", das Debüt des Filmemachers Andrew Patterson, wurde von einigen Festivals abgelehnt, feierte im Januar 2019 seine Premiere auf dem kleinen Slamdance Film Festival in Utah - Konkurrent zu Sundance - und wurde schließlich vom Streaming-Dienst Amazon Prime Video gekauft. Das ist insofern ein Glücksfall, als "Die Weite der Nacht" - auch ohne Corona - wohl kaum ins Kino gekommen wäre. Jetzt ist diese Geschichte einer unheimlichen Nacht in einer fiktiven Kleinstadt in New Mexico im Stream zu sehen.

In den 1950er-Jahren scheint die Zukunft rosig. Fay jedenfalls schwärmt von ihr, während die junge Telefonistin in dieser Nacht zusammen mit Everett, dem DJ der kleinen Radiostation, durch die Straßen von Cayuga läuft. Alle anderen sind beim ersten Basketball-Spiel der Saison, außer Fay und Everett. Sie müssen arbeiten. Er soll ihr vorher das Funktionieren ihres neuen Tonbandgeräts zeigen. Die 16-Jährige hat einen wissenschaftlichen Artikel gelesen über das Telefon der Zukunft: "Die Apparate sind handtellergroß, wie Klappmuscheln. Ohne Hörer. Und auf einer Hälfte ist die Wählscheibe. Und auf der anderen ein Lilliput-Bildschirm."

Ein junger Mann und eine junge Frau mit Brille sitzen in einem Tonstudio vor einem Radiomikrofon - Szene aus dem Amazon-Prime-Film "The Vast of Night" © 2019 Amazon.com Inc., or its affiliates
Was ist das? Wer redet da...?

Ein smartes Phone - vorstellbar? Eine spannende Vorstellung für die 16-Jährige in der tiefen Provinz, aus der Everett und Fay in jedem Fall rauswollen. Das Basketball-Spiel beginnt, Everett fängt mit der Abendsendung an, und Fay damit, Anrufe zu vermitteln.

"Die Weite der Nacht": Das Unheimliche einfach inszeniert

Um das Unheimliche zu inszenieren, wird im Hollywood-Science-Fiction-Film immer mehr technisches Brimborium aufgefahren, während die Geschichten nur noch in den eigenen Klischees ersaufen. Andrew Patterson aber beweist in seinem Filmdebüt, dass seine Geschichte das alles nicht braucht.

Mann mit dunkelblondem Bart und langen Haaren vor einer Werbewand: Regisseur Andrew Patterson © Faye's Vision/Cover Images
Regisseur Andrew Patterson ließ in den Film "Die Weite der Nacht" ("The Vast of Night") seine Erfahrungen als Werbefilmer einfließen. Er finanzierte den Film vollständig selbst.

"Die Weite der Nacht" lebt ohne Frage von vielen Anspielungen, Bezügen zum Genre des Science-Fiction-Films, beispielsweise dem angeblichen Ufo-Absturz in New Mexiko 1947. Die "X-Files" sind da, die "Invasion der Körperfresser", natürlich Spielberg mit der "Unheimlichen Begegnung der Dritten Art", aber auch die Kleinstadtödnis von "American Graffiti".

Trotzdem findet Andrew Patterson in "Die Weite der Nacht" einen ganz eigenständigen Ton, wenn es von der Ankunft von etwas Fremden erzählt, das die alte Frau, die Everett und Fay finden, schon kennt: "Sie sprach von irgendwelchen Wesen, am Himmel, da ganz oben. Und dass die da hoch entwickelten Funkverkehr haben. Und Leute mit hochnehmen."

Andrew Pattersons Weg in einer andere Welt

Ein Mann hält eine Tonspurrolle in der Hand, der andere schaut ihm zu - Szene aus dem Amazon-Prime-Film "The Vast of Night" © 2019 Amazon.com Inc., or its affiliates
Irgendwas ist aufgetaucht und angekündigt hat es sich: hier.

Wenn das Raumschiff dann auftaucht, dann ist da ein Staunen, ein Träumen in den Blicken von Everett und Fay, wenn sie nach oben schauen, in den Himmel. Fays Warnung: "Das ist irgendwas am Himmel. Geh ja nicht raus!" Und die ist dann wohl kaum zu vereinbaren mit dem Blick in eben diesen Himmel, wenn dieses "Irgendwas" auftaucht. Warum wollen Fay und Everett unbedingt weg aus Cayuga, New Mexico, dem spießig-weißen, angeblich heilen Amerika? Weil sie bei Verstand bleiben wollen. Weg in eine andere Welt.

Insofern erzählt Andrew Pattersons schöner, ja, magischer Science-Fiction-Film nicht vom Horror, sondern von einer tiefen Sehnsucht, die so übermächtig ist, dass sie einen auch schon mal in Angst und Paranoia stürzen kann. Draußen jedenfalls wartet viel. Es wartet in dieser Nacht.

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Die weite Nacht

Genre:
Drama, Sci-Fi
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Sierra McCormick, Jake Horowitz, Gail Cronauer
Veröffentlichungsdatum:
2019
Regie:
Andrew Patterson
Länge:
91 Min.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 18.06.2020 | 07:20 Uhr

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