Stand: 20.06.2013 20:00 Uhr

Die Rettung einer Kino-Legende

von Marc-Oliver Rehrmann

Von außen macht das "Savoy"-Kino nicht viel her. Eine triste Fassade, kein Prunk, kein Glanz. Das Haus reiht sich prima ein in die schmucklose 50er-Jahre-Architektur nahe des Hamburger Hauptbahnhofes. Und doch gibt es hier etwas zu sehen, das die Herzen von Kinofans höher schlagen lässt - im Inneren. Es ist der Kinosaal, der schon viele glanzvolle Abende erlebt hat. Bei seiner Eröffnung im Jahr 1957 galt das "Savoy" als das modernste Lichtspielhaus Europas. Nur hier gab es die Möglichkeit, Filme in der neuartigen 70mm-Technik zu zeigen.

2013 steht ein neuer Wendepunkt in der bewegten Geschichte des Kinos an: Nach langer Pause laufen wieder Filme im frisch renovierten "Savoy" am Steindamm. Dabei hatten viele das Haus längst abgeschrieben.

Ein Retter aus Leidenschaft

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Einst gründete Hans-Joachim Flebbe die Kinokette Cinemaxx, inzwischen haucht er gerne alten Kinos neues Leben ein.

Der Mann, der dem "Savoy" eine neue Chance gegeben hat, strahlt. Kino-Liebhaber Hans-Joachim Flebbe steht im frisch renovierten Kinosaal und erzählt von seinem ersten Besuch in dem altehrwürdigen Kino: "Ich habe mich sofort in den Saal verliebt." Schnell war der Entschluss gefasst, das leer stehende Kino zu retten. Es folgten "heiße Diskussionen" mit dem Vermieter. Der indische Geschäftsmann hoffte mit einem Shop-in-Shop-Konzept mehr Geld einnehmen zu können. Aber schließlich lenkte er ein - und Flebbe konnte mit dem Umbau des maroden Kinos beginnen. Mehr als 1,2 Millionen Euro hat die Renovierung gekostet. Flebbe zahlt alles aus eigener Tasche.

Ein Kino-Pionier aus Leidenschaft

Hans-Joachim Flebbe gilt als ein großer Name in der deutschen Kinolandschaft. 1989 gründete er mit Mitstreitern die Kinokette Cinemaxx, 1991 eröffnete das erste Haus in Hannover - es war bald das erfolgreichste Kino Deutschlands. 2008 schied Flebbe aus dem Unternehmen aus. Seitdem verfolgt er seine eigenen Projekte: Kinos mit gehobener Ausstattung und Bedienung am Platz sollen das ältere Publikum wieder fürs Kino begeistern. In Berlin, Köln, Frankfurt und München gibt es diese Premium-Kinos bereits.

Fast alle Filme in der Originalversion

Gezeigt werden inzwischen überwiegend Blockbuster-Filme in der englischen Originalversion. Das "Savoy" will die Lücke schließen, die mit dem Ende des "Streit's"-Kinos am Jungfernstieg im Frühjahr 2013 entstanden war. Es war das einzige Kino Hamburgs, das regelmäßig Filme in Originalversion ohne Untertitel zeigte. "Das 'Streit's hatte 120.000 Besucher im Jahr, wir hoffen auf 80.000 bis 100.000 Besucher", sagt Flebbe damals.

Der Cinemaxx-Gründer machte aber keinen Hehl daraus, dass das Projekt ein großes Wagnis ist. "Keiner weiß, wie es laufen wird." Denn die Gegend um das "Savoy" herum gilt vielen Hamburgern als Schmuddelecke. Drogen und Prostitution haben lange Zeit den Steindamm geprägt. Auch heute gibt es noch viele Sexshops.

Ein Platzanweiser und viel Beinfreiheit

Aber Flebbe ließ sich nicht entmutigen. Sein Ziel: die Besucher mit Komfort locken. "Wir wollen erreichen, dass die Kinogänger bei uns einen angenehmen Abend ohne Stress verbringen." Ein Platzanweiser steht bereit, die Sitzreihen bestechen durch eine ausgesprochen große Beinfreiheit. Schließlich ist da die riesige Leinwand, immerhin die zweitgrößte in Hamburg. "Ich habe schon viele Kinos eröffnet, aber das 'Savoy' hat sicher einen der schönsten Säle, den wir je gemacht haben", sagt Flebbe. Das ganze Projekt sei für ihn eine Herzensangelegenheit - "wie ein Hobby".

Premieren wie ein Staatsakt

Einst hatte das "Savoy" sogar die größte Leinwand Hamburgs. Die Premieren in den 50er- und 60er-Jahren wurden wie ein Staatsakt zelebriert - mit Absperrungen und schwarzen Limousinen. Schon die Eröffnung des Kinos im März 1957 war ein gesellschaftliches Ereignis. Im Publikum saßen unter anderem Max Schmeling, Heinz Erhardt und Erika Mann. Es war die Hochzeit des Kinos. Große Filme wie "Cleopatra", "Lawrence von Arabien" und "In 80 Tagen um die Welt" lockten die Besucher in Massen an. Karten gab es oft nur Tage im Voraus. Der Historien-Film "Ben Hur" lief Anfang der 60er-Jahre unglaubliche 118 Wochen am Steindamm.

Vom Schachtelkino zum "Bollywood"-Palast

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"Endlich wieder ein Kino im Stadtteil": Das "Savoy" will nicht nur Liebhaber von Filmen in Originalfassungen ansprechen.

Aber mit dem Aufstieg des Fernsehens waren bald auch für das "Savoy" die goldenen Zeiten vorbei. Ende der 70er-Jahre schlug die Zeit der Schachtelkinos. So wurde 1979 auch das "Savoy" umgebaut: Aus einem großen Saal entstanden fünf kleinere Räume. Es lief mehr schlecht als recht. 1994 steckte die UFA noch einmal Millionen in das Kino, aber Ende 1998 musste das Haus schließen. Fortan liefen hier gelegentlich Bollywood-Filme, bis 2003 ein Schäppchenmarkt in das Foyer zog. Der legendäre Kinosaal diente jahrelang als Lager. Hoffnung kam auf, als im Sommer 2008 das "Metropolis"-Kino vorübergehend einzog. Aber das Programmkino zog 2011 wieder aus - und die Zukunft des "Savoy" war wieder ungewiss.

Gut fürs Viertel

Viele Kinofans hatten seit 2011 dafür gekämpft, dass das "Savoy" erhalten bleibt - unter ihnen Erfolgs-Regisseur Fatih Akin. Auch Kino-Experte Michael Töteberg engagierte sich. Schon als Schüler habe er die große Leinwand am Steindamm bewundert. Es sei ein gutes Zeichen, dass das "Savoy" nun wieder eine Zukunft hat. "Vom Programm her ist es aber nicht das, was wir uns erhofft hatten", sagt Töteberg im Gespräch mit NDR.de. Er hatte zusammen mit der Initiative "Ahoj Savoy" für ein Kino geworben, dass sich mit seinem Programm an den Bewohnern des Viertels ausrichtet. "Andererseits ist es aber gut, dass es in Hamburg wieder ein Kino für Originalfassungen gibt", sagt Töteberg.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 13.03.2017 | 19:30 Uhr

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