Stand: 16.12.2019 13:53 Uhr  - NDR Kultur

100 Jahre Silhouettenfilm - und sein letzter Meister

von Jutta Schwengsbier

Vor wenigen Tagen, am 12. Dezember, hat in Deutschland der erste Silhouettenfilm Weltpremiere gefeierte: "Das Ornament des verliebten Herzens" von Lotte Reiniger. Die Filmemacherin hatte zunächst nur Ornamente und Zwischentitel für einige der ersten Stummfilme in Deutschland geschnitten. Da sie selbst ein Fan des damals in Deutschland beliebten Schattentheaters war, erfand Reiniger ein ganz eigenes Metier: mit Scherenschnittfiguren animierte Filme. Als weltweit wohl letzter Meister des Silhouettenfilms arbeitet Jörg Herrmann im eigenen Filmatelier nahe Dresden. Ein Besuch in seinem Studio.

Der Filmemacher und Silhouettenanimateur Jörg Herrmann in seinem Atelier in Dresden lehnt über seinem Schneidetisch für Silhouetten © Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa
Seine Figuren formt der Künstler Jörg Herrmann stets aus schwarzem Pappkarton.

Die von Lotte Reiniger erfundenen Silhouettenfilme blieben immer Manufaktur-Arbeiten. Ein Handwerk im wörtlichen Sinne. Bis heute legt Jörg Herrmann seine aus Pappkarton ausgeschnittenen schwarzen Figuren auf eine von unten beleuchtete Glasplatte. Macht ein Bild. Schiebt mit einer Pinzette den Fuß oder Arm einen halben Millimeter nach vorne. Drückt wieder auf den Auslöser.

Bis zu 20 Sekunden Film schafft Jörg Herrmann täglich

Bis zu 20 Sekunden Film schafft Herrmann so pro Tag. Eine Fleißarbeit. Die Gelenke für seine Figuren bastelt der 78-Jährige immer noch mit kleinen Haarnadeln - wie einst die Erfinderin. Herrmann erklärt: "Dieser Legetrick war wie für das Schattentheater gemacht. Reiniger hat die Figuren mit Gelenken versehen auf eine Glasscheibe gelegt, die von unten beleuchtet wurde. Dann hat sie das Einzelbild so gerückt, dass sie eine Bewegung mit 24 Bildern pro Sekunde erschaffen konnte."

Doch natürlich hat sich auch der Scherenschnittfilm im Computerzeitalter weiterentwickelt. Die Figuren werden zwar nicht per Computer animiert. Aber seine statischen Hintergrundbilder fügt Herrmann inzwischen als gescannte Impressionen von Originalschauplätzen ein. "Man kann also Märchen erzählen. Fabeln erzählen. Legenden erzählen. Man kann aber auch historische Persönlichkeiten auftreten lassen. Das alles hat auch schon Lotte Reiniger gemacht", sagt der Künstler.

Schatten sind für Herrmann glaubhafter als Schauspieler

Herrmann und das ehemalige DEFA-Trickfilmteam haben den Silhouettenfilm als originären deutschen Beitrag zur Animationskunst weiterentwickelt. Mit Kinderfilmen im "Sandmann" oder als historische Erklärfilme zum Leben von Karl Marx. Einem Schatten glaube man mehr, zu dieser Zeit an diesem Ort gewesen zu sein, als wenn ein Schauspieler diese Rolle spiele, so Herrmann.

Neues Auftragswerk für Dresdener Museum

Nach der Wende 1989 haben sich viele seiner Filmkollegen in den Ruhestand verabschiedet, erzählt er. Mit seinen 78 Jahren ist er der letzte Regisseur, der die Technik des Silhouettenfilms noch beherrscht. Zurzeit dreht er ein Auftragswerk für das Dresdener Carl Maria von Weber-Museum. Der kleine Animationsfilm soll den Besuchern zeigen, wie der berühmte "Freischütz"-Komponist die Ideen für seine Kompositionen fand.

Herrmann erzählt: "Der Film heißt 'Komponieren beim Spazieren' Während eines Laufes sind ihm die besten Melodien eingefallen. Sein Sohn schreibt, wenn ihm eine Stelle nicht gefallen habe, sei er das Stück Weg zurückgegangen und noch einmal gelaufen. Erst abends hat er es aufgeschrieben und am Spinett probiert."

Wahrscheinlich sterbe der Silhouettenfilm mit ihm aus, vermutet Jörg Herrmann und seufzt. Auf jeden Fall will er noch eine Anleitung für potenzielle Nachfolger schreiben.

Links

Die Abenteuer des Prinzen Achmed - Der Film

Das Deutsche Filminstitut über den Film von Lotte Reiniger - der erste abendfüllende Animationsfilm der Filmgeschichte - und dessen Restaurierung im Jahr 1999. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 11.12.2019 | 11:20 Uhr

Mehr Kultur

Die in Berlin lebende "Unorthodox"-Autorin Deborah Feldman © picture alliance / Sven Simon Foto: Malte Ossowski/Sven Simon

"Unorthodox"-Autorin Feldman über den Emmy-Triumph

Als erste deutsche Regisseurin wurde Maria Schrader für die Serie "Unorthodox" mit einem Emmy ausgezeichnet. Deborah Feldman, Autorin des verfilmten Buches, freut sich riesig über den Erfolg. mehr

Musikerinnen und Musiker beim Eröffnungskonzert des Usedomer Musikfestivals auf der Bühne in Ahlbeck mit Orchesterchef Kristjan Järvi © Geert Maciejewski / Usedomer Musikfestival Foto: Geert Maciejewski

Furioser Start trotz Corona beim Usedomer Musikfestival

Kulturstaatsministerin Monika Grütters kam am Sonnabend zur Eröffnung des Usedomer Musikfestivals nach Ahlbeck. Die Politikerin sagte, Musik könne in entbehrungsreichen Zeiten Sehnsüchte stillen. mehr

Maria Schrader © dpa

Regisseurin Maria Schrader gewinnt Emmy Award

Die Schaupielerin und Regisseurin Maria Schrader hat einen Emmy Award als beste Regisseurin für die Mini-Serie "Unorthodox" erhalten. Schrader stammt aus Hannover. mehr

Hopper Jack Penn und Paz de la Huerta sowie der Regisseur Michael Maxxis posieren © NDR.de Foto: Kristin Hunfeld

Filmfest Oldenburg: Das Kino lebt!

Nach fünf Tagen ist das Filmfest in Oldenburg mit der Preisvergabe zu Ende gegangen. Es war das erste Filmfestival im Nordwesten, das unter Corona-Bedingungen überhaupt stattgefunden hat. mehr