Mala Emde (Mitte) als Luisa - Szene aus dem Film "Und morgen die ganze Welt" © © Alamode Film 2020

Deutscher Oscar-Beitrag: "Und morgen die ganze Welt"

Stand: 28.10.2020 12:30 Uhr

Der Film "Und morgen die ganze Welt" über eine junge Politaktivistin ist der deutsche Kandidat für die diesjährigen Oscars.

von Katja Nicodemus

Hier geht es nicht nur um die "Hallo-hier-bin-ich"-Vorstellung in einer WG. Es geht um eine Lebensform, um eine Haltung zur Welt, um ein Einmischen in die Welt. Luisa, angehende Jura-Studentin, wird Mitglied einer politischen Aktionsgruppe, die in einem besetzten Haus wohnt.

Radikal subjektive Erzählperspektive

Gemeinsam planen die jungen Aktivistinnen und Aktivisten Aktionen für Geflüchtete und auch, ganz wesentlich: gegen Rechtsextreme. Deren Veranstaltungen und Demonstrationen sollen gestört werden. Mit zunächst friedlichen Mitteln. Bei einem Gerangel mit einem Neonazi kommt Luisa in den Besitz von dessen Smartphone.

Die Erzählperspektive ist eine radikal subjektive. Nie scheint der Film mehr zu wissen als seine Hauptfigur. Mala Ende als Luisa spielt sie offen, durchlässig, neugierig. Gemeinsam mit der Kamera erkundet sie die Kommune der Hausbesetzerinnen, geht zu einem Jura-Seminar, schließt Freundschaften - und besucht das Elternhaus. Ihre Familie stammt aus altem Landadel. Hier lässt Luisa, die Vegetarierin, die Sprüche des Vaters, eines leidenschaftlichen Jägers, über sich ergehen.

Luisa lernt, es gibt das Recht zum Widerstand

"Und morgen die ganze Welt" erzählt von einer Suche, einer krisenhaften Selbstfindung, vom endgültigen Erwachsenwerden. Gemeinsam mit zwei Aktivisten bildet Luisa ein im Flirt verbundenes Trio. Hier der hitzige Alfa, der bei den Aktionen zunehmend gewaltbereit ist. Auf der anderen Seite der introvertierte Lenor, der auf friedlichen Protest setzt. 

In ihrem Jura-Seminar erfährt Luisa, dass alle Deutschen das Recht zum Widerstand gegen Verfassungsfeinde hätten, wenn andere Abhilfe nicht möglich sei. Aber wann ist das Recht auf Widerstand gegen Neonazis wirklich gegeben?

VIDEO: Filmtrailer: "Und morgen die ganze Welt" (2 Min)

Wann ist Gewalt legitim?

Oder wenn nicht legitim, dann doch moralisch gerechtfertigt? Eben diese Fragen fressen sich als Konflikt in die Gruppe. Etwa als besprochen wird, wie man einem größeren Aufmarsch der Neonazis begegnet.

Soll man den Neofaschisten die Autoreifen aufschlitzen oder sie gar verprügeln? Was mit dem Sprengstoff anstellen, den die Gruppe in einem Versteck von Nazis sichergestellt hat? Friedlicher Protest, Störung, Gewalt - das sind die Stufen der Eskalation, von denen der Film erzählt. 

Kampf gegen ein System

Als Luisa bei einem Gerangel mit Neonazis verletzt wird, taucht das Trio bei Dietmar unter, einem ehemaligen Terroristen, der seine Strafe abgesessen hat. Mit dieser Figur, beeindruckend ruhig gespielt von Andreas Lust, zieht eine andere Tonlage in den Film ein. Die eines Menschen, für den der politische Kampf kein Abenteuer war, kein Adrenalinkick - sondern der Kampf gegen ein System.

"Und morgen die ganze Welt" lässt sich von den Erfahrungen seiner Heldin tragen, mitreißen, sodass die Bilder manchmal auf der Strecke bleiben. Diesem Film fehlen Momente des Innehaltens, Einstellungen die auch jenseits der dynamischen Geschichte etwas erzählen.

In Erinnerung bleibt jedoch das Bild von Luisa: liebend, kämpfend, zerrissen von Konflikten, die uns alle angehen. Es ist ein wirkliches Verdienst der Regisseurin Julia von Heinz, dem deutschen Gegenwartskino die Frage nach dem Umgang mit Rechtsextremen zuzumuten.

Und morgen die ganze Welt

Genre:
Spielfilm
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Deutschland, Frankreich
Zusatzinfo:
mit Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider
Regie:
Julia von Heinz
Länge:
111 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
29. Oktober 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 29.10.2020 | 07:20 Uhr

Mehr Kultur

Szene aus dem Film "Das Geheimnis des Totenwaldes" mit Matthias Brandt und Karoline Schuch © NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020

"Göhrde-Morde" - Die Hintergründe des wahren Kriminalfalls

Die "Göhrde-Morde" sorgten Ende der 80er-Jahre für Aufsehen. Um den für das Erste verfilmten Kriminalfall gibt es ein großes Angebot. mehr

Ein Mann steht auf dem Dach der Elbphilharmonie. Im Hintergrund sind die weißen Punkte der Verschalung zu sehen.

Kunst und Poesie einfach mal rausbrüllen

Das Hamburger Thalia Theater dreht Filme auf Hamburgs Dächern und Türmen. "Theater der Lüfte" heißt das Projekt. mehr

Staatsoper Hannover illuminiert © picture alliance/dpa | Ole Spata Foto: Ole Spata

"Oper!" Awards 2020: Staatsoper Hannover bestes Opernhaus

Die Fachzeitschrift "Oper!" hat Akteurinnen und Akteure der Opernwelt in 20 Kategorien ausgezeichnet. mehr

Schmidt Theater bei der Jubiläums Gala 25 Jahre Schmidts Tivoli Theater auf dem Spielbudenplatz an der Reeperbahn am Samstag 3. September 2016 in Hamburg. © BREUEL-BILD

Verbale Schlammschlacht: Schmidt Theater versus Kay Ray

Das Schmidt Theater hat den Vertrag mit Comedian Kay Ray nicht verlängert. Zum Streit darüber äußert sich nun Corny Littmann. mehr