Stand: 16.04.2020 08:38 Uhr

Deutscher Filmpreis 2020: Nominierte Filme im Netz

Am 24. April wollte sich die deutsche Filmbranche eigentlich im Palais am Funkturm in Berlin treffen, um den Deutschen Filmpreis 2020 zu verleihen. Wegen der Corona-Pandemie wurde die Veranstaltung abgesagt. Die Verleihung der Silbernen und Goldenen Lola wird nun ohne Publikum erfolgen. Einige der nominierten Filme kann man bereits im Netz anschauen. Ein Gespräch darüber mit der NDR Kultur Filmkritikerin Katja Nicodemus.

Welchen der nominierten Filme in der Hauptkategorie für die Goldene Lola kann man im Netz anschauen?  

Systemsprenger.
"Systemsprenger" ist beim Deutschen Filmpreis 2020 in zehn Kategorien nominiert - unter anderem für die beste weibliche Hauptrolle mit Helena Zengel als Benni.

Katja Nicodemus: Es gibt einen außergewöhnlichen Film, "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt. Das ist ein beeindruckendes Regie-Debüt. Es geht um das kleine Mädchen Benni, das unter unkontrollierbaren Wutanfällen leidet und von seiner überforderten Mutter ins Heim gegeben wurde, in die Obhut von Betreuerinnen und Betreuern. Und es geht um das Gefühl des Verlassenwordenseins oder des Aufgegebenwordenseins, das diese Wutanfälle noch verstärkt oder vielleicht sogar auslöst.

Es ist eine große Qualität des Films, dass er auf niemanden mit dem Finger zeigt. Der Film registriert eine sehr große Hilflosigkeit und Verzweiflung der Erwachsenen angesichts dieses zutiefst verletzten und versehrten Kinderherzens. Er wurde im vergangenen Jahr auf der Berlinale gefeiert und hat sogar einen silbernen Bären bekommen. Im Kino hat der Film eine halbe Million Zuschauer und Zuschauerinnen erreicht. Das ist wirklich sensationell für ein Regie-Debüt! Und jetzt kann man diesen Film sehen - zum Beispiel auf Netflix.

"Berlin Alexanderplatz" von Burhan Qurbani und "Undine" von Christian Petzold liefen auf der Berlinale, aber noch nicht im Kino, daher kann man diese Filme auch noch nicht sehen. Welchen der nominierten Filme, die verfügbar sind, würden Sie denn ansonsten noch empfehlen?

Anne Ratte Polle im Film "Es gilt das gesprochene Wort" © X-Verleih
Anne Ratte-Polle ist für ihre Rolle als Pilotin als beste Hauptdarstellerin für eine Lola nominiert. Sie spielt sensationell, wie Filmkritikerin Katja Nicodemus findet.

Nicodemus: Es gibt einen interessanten Film, der ebenfalls für den Hauptpreis, die Goldene Lola, nominiert ist: "Es gilt das gesprochene Wort" von dem Regisseur Ilker Çatak. Hauptfigur ist Marion, eine Pilotin gespielt von Anne Ratte-Polle. Diese Pilotin verliebt sich bei einem Urlaub in der Türkei in einen jungen Mann namens Baran, der Touristinnen animiert, unterhält, mit ihnen tanzt und auch ins Bett geht. 

In dieser mediterranen All-inclusive-Entertainment-Welt taucht Marion auf, die gerade eine schwere Krankheit hinter sich hat. Der junge Mann Baran fragt sie ziemlich unverblümt, ob sie ihn heiraten will und ihn mit nach Deutschland nehmen kann. Und sie sagt: Ja. Die Geschichte, die nun beginnt, verhandelt der Film mit allen Höhen und Tiefen und Schwierigkeiten, auch emotional schönen Momenten, denn dieser Film ist vor allem sehenswert wegen seiner Hauptdarstellerin Anne Ratte-Polle. Die ist auch für den Preis der besten Darstellerin beim Filmpreis nominiert. Sie spielt die Marion sensationell mit einer Mischung aus Lebensgier, Unsicherheit, Verzweiflung und dann wieder großer Gefühlssicherheit. Der Film ist auf diversen Filmportalen zu sehen.

Wie schaut es in den anderen Kategorien aus?

Nicodemus: Es gibt einen Film, den ich einfach jedem und jeder empfehlen möchte. Er ist nominiert in der Kategorie des besten Dokumentarfilms. Der Titel ist "Heimat ist ein Raum aus Zeit". In diesem Film erzählt der Filmemacher Thomas Heise die Geschichte seiner Familie über ein Jahrhundert hinweg und zwar nur mit Dokumenten seiner Familie: Briefen, Postkarten, Schulaufsätzen, Notizen, Familienfotos.

Mit diesem Material, diesen Texten, die ausschließlich von Thomas Heise selbst vorgelesen werden, erzählt er die Geschichte seiner Familie von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart. Man kann sagen, dass das ein deutsches Jahrhundert ergibt. Die großen Daten und Ereignisse werden aber eben nicht markiert oder als Zäsuren gesetzt. Der Erste Weltkrieg, der Zweite Weltkrieg, der Mauerbau, der Mauerfall - das alles kommt natürlich vor, aber immer aus persönlicher Sicht und im persönlichen Erleben. Geschichte ist hier auch und vor allem Liebesgeschichten, Studienerlebnisse, Geburt von Kindern, Tod von Eltern, Geburtstagsfeiern oder ein Essen mit Heiner Müller. Und aus diesen ganzen Dokumenten erschafft der Film ein bewegendes Dokument. Er wird selbst ein Jahrhundertdokument. Und dieser Film von Thomas Heise kommt jetzt auf DVD heraus. Und man kann ihn auch auf dem Onlineportal vimeo.com ausleihen.

Interview
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Haben Sie eine besonders zwingende, dringende, schöne Empfehlung?

Nicodemus: In diesem Jahr geht der Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises an den Regisseur Edgar Reitz. Sein großes Werk ist die "Heimat"-Trilogie, gedreht von 1981 bis 2012. Ausgehend im Jahr 1919 in einer Familie im fiktiven Dorf Schabbach im Hunsrück in der Pfalz. Die Heldin ist Maria Simon, eine junge Frau, die irgendwann dieses Dorf verlässt.

Es geht dann über den Zweiten Weltkrieg in die Nachkriegszeit, in die 1960er-Jahre. Maria Simons Sohn studiert in München, kehrt wieder zurück nach Schabbach und Sie merken schon, es gibt Parallelen zum Dokumentarfilm "Heimat ist ein Raum aus Zeit" von Thomas Heise. Aber bei Edgar Reitz ist das hier letztlich wie eine Serie, wie ein riesiger Spielfilm. 60 Stunden lang ist sein "Heimat"-Zyklus. Der ist als DVD und zum Teil auch als Stream erhältlich.

Das Gespräch führte NDR Kultur Moderator Philipp Schmid.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 16.04.2020 | 07:20 Uhr

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