Stand: 28.11.2019 15:53 Uhr

Subtiler Horrorfilm mit Willem Dafoe

Der Leuchtturm
, Regie: Robert Eggers
Vorgestellt von Katja Nicodemus

"Die Hexe" - hieß das Spielfilmdebut des amerikanischen Regisseurs Robert Eggers, entstanden im Jahr 2015. Die "New York Times" feierte den Film, der ein Jahr später in die deutschen Kinos kam, als bahnbrechend modernen Horrorfilm. Nun hat Robert Eggers wieder einen Horrorfilm gedreht: "Der Leuchtturm" mit Willem Dafoe und Robert Pattinson galt auf den Filmfestspielen von Cannes als Geheimtipp.

Willem Dafoe (r.) als Thomas Wake und Robert Pattinson als Ephraim Winslow - Szene aus dem Film "Der Leuchtturm"

Filmtrailer: "Der Leuchtturm"

Gegen Ende driftet Eggers mystischer Horrorfilm in einen Zustand zwischen Halluzination und Wirklichkeit ab. Wie die Protagonisten verliert auch der Zuschauer jedes Zeitgefühl.

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Die Anordnung ist diese: Zwei Männer werden um 1890 von einem Schiff auf eine abgelegene Insel vor der amerikanischen Küste gebracht. Der eine als Leuchtturmwärter, der andere als sein Lehrling. Während mehrerer Monate sollen die beiden auf der Insel bleiben, den Leuchtturm und die Unterkunft reparieren, unter anderem auch die faulige Zisterne. Wake, der Ältere, wird gespielt von Willem Dafoe. Der jüngere Winslow von Robert Pattinson. Schon kurz nach der Ankunft beginnt Wake, seinen unerfahrenen Kompagnon zu schikanieren und zu terrorisieren.

"Der Leuchturm": Schwarz-Weiß-Film in Stummfilm-Format

Seinen Film "Der Leuchtturm" hat Robert Eggers in Schwarz-Weiß gedreht - und im klassischen quadratischen Stummfilm-Format, das die ohnehin schon klaustrophobischen Räume des Leuchtturmwärter-Häuschens zusätzlich staucht. In diesen Räumen hält Wake alias Dafoe seine Monologe. Eine Mischung aus Seemannsgarn, nautischen Informationen, abergläubischen Einsprengseln, Matrosenmythen und - immer wieder - unflätigen Beschimpfungen und Befehlen.

Der Horror stellt sich schleichend ein

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Das Zusammenleben auf engstem Raum setzt Aggressionen frei.

Als selbstgerechten Großkotz spielt Willem Dafoe diesen Wake, der die Räume - etwa die gemeinsame Schlafkammer der Männer - auch physisch in Beschlag nimmt. Er furzt und schwitzt, er isst geräuschvoll und trinkt exzessiv. Dieser Meeresmann mit dem fusseligen Vollbart steht nicht nur für die Dominanz von Alter und Erfahrung, er ist auch der ökonomische Steuermann der Konstellation.   

Was ist das für ein Horrorfilm, dessen Horror sich erst langsam in die Bilder einschleicht? In kontrastreichem Schwarz-Weiß gefilmt, wirken die Köpfe der beiden Männer mit ihrer fahlen Haut und den reliefartigen Wangenknochen wie Totenschädel. Auch in den Dialogen hallt viel Morbides mit. Es geht um Vergänglichkeit, um die Nichtigkeit des Menschen angesichts der Gewalt und Ewigkeit des Meeres. Je mehr Rum getrunken wird, desto verrückter und literarischer werden auch die Dialoge.

Willem Dafoe als selbstgerechter Großkotz

"Der Leuchtturm" ist auch ein Film über überschießende Männlichkeit, über Selbstbilder und Männerbilder. Über toxische Männlichkeit, um einen modernen Begriff zu verwenden. Wake und Winslow haben der Einsamkeit auf der sturmumtobten Insel nur ihre eingefleischten, archaischen Strategien entgegenzusetzen: Konkurrenz, Unterdrückung, Kampf. Zwischendurch gibt es auch Umarmungen, Verbrüderungen, das gemeinsame Absingen von Seemannsliedern. Doch über allem schwebt ein tiefes gegenseitiges Misstrauen. Wake nimmt Winslow dessen Lebensgeschichte nicht ab.

Das Meer tobt, die Wellen schäumen. Der Sturm heult, die Möwen kreischen unheilvoll. Nach einer durchzechten Nacht verpassen die beiden Männer das Ablöseboot. Eggers kluger, mystischer Horrorfilm driftet endgültig in einen Zustand zwischen Halluzination und der rauen Wirklichkeit der Naturgewalten. Meerjungfrauen bevölkern die Fantasie. Todesangst wechselt mit schnapsgeschwängertem Lebenswillen. Gemeinsam mit Wake und Winslow verliert auch der Zuschauer jedes Zeitgefühl.

Der Leuchtturm

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
USA, Kanada
Zusatzinfo:
mit Willem Dafoe, Robert Pattinson, Valeriia Karaman
Regie:
Robert Eggers
Länge:
109 Minuten
FSK:
ab 16 Jahre
Kinostart:
28. November 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 28.11.2019 | 07:20 Uhr

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