Stand: 02.07.2020 14:03 Uhr  - NDR Info

"Der Fall Richard Jewell": Vom Helden zum Staatsfeind

Der Fall Richard Jewell
, Regie: Clint Eastwood
Vorgestellt von Walli Müller

Der Film "Der Fall Richard Jewell", rekonstruiert von Clint Eastwood, sollte eigentlich bereits am 19. März ins Kino kommen, durch die Corona-Pandemie wurde der Start auf den 25. Juni verschoben. Auch mit 90 Jahren wird Clint Eastwood nicht müde, Geschichten zu erzählen. Am liebsten erzählt er wahre Geschichten, wie die des amerikanischen Wachmanns Richard Jewell. Ihm ist es zu verdanken, dass beim Bombenanschlag während der Olympischen Sommerspiele 1996 in Atlanta nicht noch mehr Menschen getötet und verletzt wurden. Aber ausgerechnet er geriet unter Verdacht.

Es geht in diesem Film um nichts Geringeres als die Rehabilitierung eines Mannes, der zu Unrecht verdächtigt und von einer ganzen Nation vorverurteilt wurde. Der Film beginnt Mitte der 80er-Jahre. Richard Jewell ist ein etwas seltsamer Kauz, der mit Mitte 20 noch bei seiner Mutter wohnt. Er ist ein übergewichtiger, kleiner Sicherheitsmann, aber absolut prinzipientreu. Es ist seine Mission, die Gesetze zu hüten und Menschen zu beschützen.

Das Bombenattentat bei Olympia in Atlanta

Sein großer Moment kommt zehn Jahre später, als ihm bei einem Konzert im Olympiapark von Atlanta ein verwaister Rucksack ins Auge fällt und Meldung macht. Im Rucksack ist eine Bombe; viele Menschen können sich dank Richard Jewells Aufmerksamkeit noch in Sicherheit bringen, bevor bei der Explosion zwei Menschen sterben und mehr als 100 verletzt werden.

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Ein paar Tage lang wird Richard als Held gefeiert, auf allen Titelseiten, allen Fernseh-Kanälen. Dann bricht die Hölle über ihn herein. Denn plötzlich ist er in den Augen der Medien der ideale Verdächtige.

Richard Jewell wird gehetzt und verfolgt

Am Fall Richard Jewell interessiert Clint Eastwood einerseits die persönliche Tragik. Was muss dieser arme, herzensgute Kerl ertragen? Andererseits ist er ein Paradebeispiel dafür, wie ein Mensch durch den medialen Fleischwolf gedreht wird. Die Schlagzeilen künden nun vom angeblich "falschen Helden". Eine Presse-Meute belagert das Haus, das FBI durchwühlt die Küchen-Schubladen der Mutter.

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Jewells Mutter (Kathy Bates) ist besorgt.

Gehetzt, verfolgt - und immer noch ist Jewell voller Verständnis für die Ordnungshüter, zu denen er sich schließlich selbst zählt. Fesselnd und emotional stimmig zeichnet Eastwood das Schicksal dieses Mannes nach. Die Hauptrolle ist großartig besetzt mit Paul Walter Hauser, der allein mit seiner Körpersprache schon viel über Jewells Persönlichkeit erzählt. Oscar-Preisträger Sam Rockwell brilliert als sein streitlustiger Anwalt und Kathy Bates als liebevolle Mutter.

Clint Eastwood: "Ich wollte, dass die Opfer eine Art von Befreiung erleben"

Nur die Darstellung der Presse gerät Eastwood zum Zerrbild. Da wird die schreibende Zunft repräsentiert von einer skrupellosen Blondine, die Infos notfalls auch gegen Sex tauscht. Wasser auf die Mühlen der "Lügenpresse"-Schreier.

Wahr ist natürlich, dass im Fall Richard Jewell die voreilige Berichterstattung den Ruf und das Leben Unschuldiger zerstört hat. "Ich wollte einfach, dass die wirklichen Opfer des Ganzen eine Art von Befreiung erleben. Dass alle Welt die Wahrheit erfährt", sagt Eastwood. Der wahre Täter, ein christlicher Fundamentalist, wurde übrigens sechs Jahre später gefasst. Das hat Richard Jewell noch miterleben dürfen. Die Verfilmung seiner Geschichte leider nicht mehr: Er starb 2007.

Der Fall Richard Jewell

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Paul Walter Hauser, Sam Rockwell, Kathy Bates. Der Film sollte am 19. März ins Kino kommen, wurde durch die Corona-Krise abgesetzt und wird nun neu ab 25. Juni aufgeführt.
Regie:
Clint Eastwood
Länge:
129 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
25. Juni 2020

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