Stand: 05.03.2018 18:20 Uhr

"Er Sie Ich": Zwei Menschen, zwei Wahrheiten

Er Sie Ich
von Carlotta  Kittel
Vorgestellt von Lisa Hagen
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Ein Gespräch, das nie stattgefunden hat: Carlotta Kittels Eltern in einer Bildmontage im Film.

Zwei Menschen, zwei Geschichten, zwei Wahrheiten: Die Filmemacherin Carlotta Kittel zeigt in ihrem Dokumentarfilm "Er Sie Ich" ehrlich und einfühlsam, wie trügerisch Erinnerung ist. Ihre Eltern Angela und Christian lernen sich 1986 in Berlin kennen. Als Angela schwanger wird, bricht der Kontakt ab - bevor ihre Tochter auf die Welt kommt. Carlotta Kittel erlebt ihre Eltern nie zusammen, immer nur getrennt. 25 Jahre später bittet sie die beiden, ihre Version der Geschichte zu erzählen - und stellt die Interviews in ihrem Film gegenüber. "Irgendwann dachte ich mal, Mensch wie wäre das, wenn die eigentlich beide hören würden, wie widersprüchlich das ist, was sie mir erzählen. Weil es diesen Kontakt nicht gab, sondern immer nur über mich", sagt die Filmemacherin.

"Für beide ist natürlich klar: Die andere Person lügt!"

Kittel sagt: "Der Film erzählt über Beziehungen vor allem, dass es eben keine Wahrheiten gibt zwischen Menschen." Das sei auch die größte Herausforderung für ihre Eltern gewesen. "Auch für sie selber ist es trotzdem nach wie vor sehr schwierig, nachzuvollziehen, dass es unterschiedliche Wahrnehmungen gibt, die beide eine Berechtigung haben, weil für beide natürlich klar ist: Die andere Person lügt!"

Ein Gespräch, das niemals stattgefunden hat

Carlotta Kittel hat in Potsdam Filmschnitt studiert, "Er Sie Ich" ist ihr Meisterstück - ein Abschlussfilm, gedreht in nur vier Tagen. Auf der Leinwand lässt sie ihre Eltern ein Gespräch führen, das niemals stattgefunden hat. Sie habe als Tochter das tiefe Bedürfnis gehabt, die beiden Wahrheiten mal zusammenzubringen, sagt die Filmemacherin Carlotta Kittel. "Als ich dann zum allerersten Mal die beiden Interviews kombiniert habe im Schnitt - einen Satz von ihr und danach den Satz von ihm zum gleichen Thema - das war wirklich das erste Mal in meiner Erinnerung, wo sie quasi fast miteinander geredet haben. Vor mir gleichzeitig und nicht eben heute dort und morgen dort und alles getrennt, das war sehr spannend."

Eltern umarmen sich bei der Filmvorführung

Sechs Stunden dauert jedes der Gespräche während der Dreharbeiten. Carlotta Kittel taucht ein in die Vergangenheit ihrer Eltern, springt immer wieder hin und her zwischen der Rolle der Regisseurin und der Rolle der Tochter. Während ihres Studiums hat Carlotta Kittel immer wieder mit einem kleinen Team an dem Film gearbeitet. Zur ersten Vorführung im kleinen Kreis kommt sowohl ihre Mutter Angela als auch ihr Vater Christian. "Wir waren alle so: Gott, was wird da passieren?", sagt Kittel. "Plötzlich guckten die alle hinter mich, und ich: Was passiert denn? Und dann haben sie sich umarmt. Das war natürlich super emotional und alle waren wirklich den Tränen nahe." Es habe nicht lange angehalten und es sei auch keine wirkliche Versöhnung ihrer Eltern gewesen, "aber es war so ein Moment von: Wir sind jetzt alle drei Teil von diesem Film. Und wenn sie sich in einem einig sind, dann ja in ihrer Liebe für mich, und das war natürlich super."

"Er Sie Ich" - ein Film, der uns mit einer bewundernswerten Leichtigkeit bewusst macht, dass es "die eine" Version einer Geschichte nicht gibt. Das müssen wir aushalten.

Er Sie Ich

Genre:
Dokumentarfilm
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Deutschland
Länge:
88 Min
Kinostart:
8. März 2018

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 05.03.2018 | 22:45 Uhr

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