Stand: 15.06.2020 17:23 Uhr

"Da 5 Bloods" auf Netflix: Schrecken des Vietnamkriegs

von Katja Nicodemus

Auf Netflix läuft seit dem 12. Juni der Film "Da 5 Bloods" des US-amerikanischen Regisseurs Spike Lee. Der Afroamerikaner bezieht mit seinen Spielfilmen immer wieder Stellung zu Themen wie Rassismus, Diskriminierung und Sklaverei. Sein neuester Film behandelt die Schrecken des Vietnamkriegs - damals und heute. Film-Expertin Katja Nicodemus hat ihn gesehen.

Frau Nicodemus, der Film dreht sich um vier schwarze Ex-Soldaten, Veteranen, die nach einem halben Jahrhundert nach Vietnam zurückkehren. Was zieht sie dorthin zurück?

Katja Nicodemus: Zunächst ist das eine ehrenvolle Sache, die sie da vorhaben. Die vier wollen die sterblichen Überreste eines Kameraden bergen, der in Vietnam vor einem halben Jahrhundert im Gefecht getötet wurde. Das Wrack des abgestürzten Militärflugzeugs, neben dem sie seine Gebeine vermuten, wurde im Dschungel gesichtet.

Es geht bei diesem Vietnam-Trip aber noch um etwas anderes, nämlich um eine vergrabene Kiste mit Goldbarren, die damals mit dem Flugzeug abgestürzt ist. Mit diesem Gold wollte die USA damals ihre vietnamesischen Verbündeten bezahlen.

Nun machen sich diese vier Ex-GIs mit Rucksäcken und Metalldetektoren auf in den Dschungel. Es gibt auch Rückblenden auf das Kriegsgeschehen vor 50 Jahren. Das Interessante ist, dass die älteren schwarzen Schauspieler ihre Figuren auch in den Rückblenden spielen. So als würde sich hier jede Zeitlichkeit auflösen.

Welches Bild entwirft Spike Lees Film von dem ehemaligen Kriegsschauplatz Vietnam?

Nicodemus: Vietnam ist hier eine krude Mischung. Wir sehen zum einen einen Dschungel mit überwachsenen Tempeln, der an den Film "Jäger des verlorenen Schatzes" erinnert. Zum anderen wird auch das touristische Vietnam in Ho Chi Minh City mit Bars und Märkten gezeigt.

Da gibt es auch satirische Einsprengsel. Zum Beispiel besuchen die vier Ex-Soldaten einen schwimmenden Markt mit einem dümpelnden Touristen-Boot und dazu ertönt Wagners Walkürenritt, der ja auch in Francis Ford Coppolas Vietnam-Kriegsfilm "Apokalypse Now" eingesetzt wird.

Der Film zeigt aber auch die Spätfolgen des Krieges: Er zeigt einen minderjährigen Bettler, der sein Bein durch Tretminen verloren hat, und Korruption in Gestalt von Jean Reno, einen postkolonialen, französischen Geschäftemacher im weißen Anzug. Eine wilde Mischung.

Welche Bezüge lassen sich zu den heutigen Ereignissen in den USA herstellen?

Nicodemus: Die Bezüge zu heute tauchen immer wieder auf - direkt und indirekt. Mehrmals fällt der Satz. "Das war nicht unser Krieg, in den wir geschickt wurden." Es wird auch erwähnt, dass der Anteil der Schwarzen unter den Soldaten, die in Vietnam kämpften, viel höher war als der Anteil der Schwarzen an der US-amerikanischen Bevölkerung.

Einmal läuft einer der vier Männer verwirrt und halluzinierend durch den Dschungel. Das ist eine der besten Szenen des Films, denn die innere Stimme dieses ehemaligen Soldaten wird zu einem Monolog, einem Rap, in dem es um diesen - wie es heißt - "unmoralischen Krieg" im fernen Vietnam geht.

Dann geht es auch noch um den anderen Kriegsschauplatz, die USA, wo Polizisten in den Straßen brutale Razzien durchführen, wo einem Schwarzen jeden Tag demonstriert wird, dass er nichts wert sei. Das ist explizit, aber auch eindrücklich, wie der Film von Rassismus damals wie heute erzählt.

Kann man auch über diesen Spike Lee Film sagen, dass er Propaganda für die richtige Sache betreibt?

Nicodemus: Einerseits Ja. Andererseits dauert der Film zweieinhalb Stunden, in denen die eigentliche Geschichte von vier Veteranen auf der Suche nach ihrer Vergangenheit, nach ihrem Traumata zerfleddert. "Da 5 Bloods" ist Abenteuerfilm im Dschungel, antirassistisches Pamphlet, Buddy Movie und auch Kriegsfilm.

Da ist es schon befremdlich, dass der Film in seinen Kampfszenen an Vietnam-Kriegsfilme der 1980er-Jahre erinnert. Aus der Perspektive von US-amerikanischen Soldaten sehen wir, wie gesichtslose Vietnamesen mit Maschinengewehren niedergemäht werden - damals wie heute. Vielleicht soll das ein ironischer Kommentar auf Kriegsfilme und ihre Ästhetik sein. In jedem Fall ist "Da 5 Bloods" ein ziemlich durchgeknallter Film.

Da 5 Bloods

Genre:
Drama
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Chadwick Boseman, Jean Reno, Delroy Lindo
Regie:
Spike Lee
Länge:
155 Min.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 11.06.2020 | 07:20 Uhr

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