Stand: 02.09.2020 17:19 Uhr

"Corpus Christi" - Hochstapler-Drama über den Glauben

von Katja Nicodemus

Gerade wurden die 77. Filmfestspiele von Venedig eröffnet. Im vergangenen Jahr lief dort in der renommierten Reihe "Orizzonti" ein Film des polnischen Regisseurs Jan Komasa: "Corpus Christi", so der Titel, gewann bei den polnischen Filmpreisen 15 von 20 möglichen Auszeichnungen und wurde auch für den Oscar des besten fremdsprachigen Films nominiert.

Es gibt solche Filme, die wie ein Geschenk wirken, das vom Himmel gefallen ist. Dieses Bild scheint bei dem polnischen Film "Corpus Christi" auf besondere Weise zu passen. Sein Held ist Daniel, ein junger Straftäter in einem Jugendgefängnis. Hier sind die Sitten rau, werden Insassen gequält und verprügelt. Die Begegnung mit dem Gefängnispfarrer wird Daniels Leben verändern. Er findet zum christlichen Glauben - und er findet Halt im Ritual der Messe.

Vom Straftäter zum Priester

Daniel möchte Pfarrer werden, doch Straftätern ist der Weg zum Priesterseminar versperrt. Nach seiner Entlassung verschlägt es den jungen Mann in ein abgelegenes Dorf, wo er sich als Geistlicher ausgibt. Als der örtliche Pfarrer erkrankt, übernimmt er dessen Vertretung. Bei seiner ersten Messe ist er noch nervös, und auch am Timing hapert es noch ein wenig.

Zunächst scheint die kleine Gemeinde noch irritiert zu sein von den unorthodoxen Methoden des jungen Geistlichen. Aber langsam gewöhnt man sich an den anderen Stil. In der Messe entwickelt sich Daniel zum leidenschaftlichen Prediger, der von seinen eigenen Zweifeln und Ängsten spricht, Witze macht und das Weihwasser mit beiden Händen verspritzt. Vor allem aber ist er aufrichtig.

Der Zuschauer versteht den Film auch ohne Worte

Daniel (Bartosz Bielenia) betet auf der Straße vor Jesusbildern und Blumen - Szene aus "Corpus Christi" © Arsenal Filmverleih
Die Dorfbewohner nehmen den neuen Pfarrer bald an.

Gesprochen wird nicht viel in diesem Film. Die wunderbar genau komponierten Bilder des 39-jährigen Regisseurs Jan Komasa lassen sich auch ohne Ton verstehen. Komasa arbeitet mit Licht, mit Atmosphären, Stimmungen. Da ist die matte Lichtstimmung des alten Pfarrhauses, erfüllt vom Staub und von der Routine des alten Pfarrers. Da sind die hellblauen Augen des jungen Geistlichen, der draußen im Sonnenlicht zu den Klängen seiner Musik tanzt. Bartosz Bielenia spielt ihn charismatisch und introvertiert, als Sinnsucher, aus dem immer wieder das Ungestüm der Jugend hervorbricht.

Dieser "falsche" Geistliche tut genau das Richtige. Er begegnet den Menschen aufrichtig und auf Augenhöhe. Er sucht das Gespräch mit der Dorfjugend, die sich rauchend, trinkend und kiffend die Zeit vertreibt - und ganz ähnliche Musik wie der Pfarrer hört.

Der neue Pfarrer gewinnt das Vertrauen der Menschen

Daniel legt sich mit dem Bürgermeister des Dorfes an, einem reichen Mann, dem es gar nicht passt, dass der junge Pfarrer mit seinen radikalen Predigten die Gespenster der Vergangenheit hervorholt. Daniel erfährt, dass das Dorf seit einem traumatischen Ereignis in eine seelische Erstarrung verfallen ist. Vor einem Jahr starben bei einem Unfall sieben junge Menschen. Seitdem verschanzt sich die Gemeinde in Schmerz, Hass, Schuldzuweisungen.

Er beginnt die Verkrustungen zu lösen. Mit einer unorthodoxen Mischung aus Schreitherapie, Gesprächen und pragmatischer Psychologie.

Jugendliche Lebensgefühle, archaische Muster, tiefe Religiosität, die neu beseelt werden muss. Natürlich, wie sollte es auch anders sein, spielen auch die Liebe und das Begehren eine Rolle in diesem ruhigen, schönen Film über den Glauben. Wird Daniel, der falsche Pfarrer, auffliegen? Irgendwann ist das nicht mehr so wichtig, denn dieser Hochstapler hat sich und allen gezeigt, dass zu glauben in einem ganz elementaren Sinne zu vertrauen bedeutet.

Corpus Christi

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Polen
Zusatzinfo:
mit Bartosz Bielenia, Eliza Rycembel, Aleksandra Konieczna
Regie:
Jan Komasa
Länge:
115 Min.
FSK:
ab 16 Jahre
Kinostart:
4. September 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kultur | 03.09.2020 | 07:20 Uhr

Mehr Kultur

Buchcover: Isabel Bogdan Mein Helgoland © mare Verlag

"Mein Helgoland": Isabel Bogdan erzählt von ihrer Lieblingsinsel

Wie alle "Meine Insel"-Bücher des mare-Verlags ist auch "Mein Helgoland" ein literarischer Reiseführer mit sehr persönlicher Note. mehr