Hans-Joachim Flebbe sitzt in einem Kinosaal des Kinos Astor Grand Cinema © dpa Foto: Julian Stratenschulte

Corona-"Lockdown": "Kinobranche fühlt sich als Bauernopfer"

Stand: 29.10.2020 16:27 Uhr

Ab Montag bleiben Restaurants, Theater, Konzerthäuser und Kinos in Deutschland geschlossen und das bis voraussichtlich Ende November. Was das für die Kinobranche bedeutet, weiß Kinobetreiber Hans-Joachim Flebbe.

Herr Flebbe, die Kinoleinwände in Deutschland bleiben weiß. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Hans-Joachim Flebbe: Ich bin natürlich extrem sauer und habe null Verständnis für diese Maßnahme. Ich hätte völliges Verständnis gehabt, wenn man einen kompletten Lockdown gemacht hätte, wenn man das ganze Land einen Monat ruhiggestellt hätte, um zu gucken, wie sich die Zahlen nach unten bewegen.

Im Augenblick fühlt sich die ganze Kinobranche - da bin ich nicht alleine - als Bauernopfer. Die Politiker, vor allen Dingen Frau Merkel, haben sich irgendwelche Opfer gesucht, vielleicht die, die die geringste Lobby haben, die aber nachweislich überhaupt nichts zu diesen Problemen beigetragen haben. Wenn ich die Hotspots betrachte, wo Infektionszahlen von über 140 oder 200 auftauchen, sind das Orte, wo es überhaupt keine Kinos, Theater oder Opernhäuser gibt. Wir sind nicht das Problem, aber wir haben keine richtige Lobby. Deshalb werden wir - damit man überhaupt irgendetwas zeigt - Opfer dieses Aktionismus. Unsere ganze Branche ist extrem betroffen, sauer und fühlt sich ungerecht behandelt.

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Über diese Unterstützung, die uns zugesagt wurde, kann ich nur ganz bitter lachen. Das haben wir schon mal erlebt, als Scholz und Altmaier großspurig und populistisch verkündet haben, dass sie 25 Milliarden bereitstellen, um die Schäden, die damals durch den Lockdown entstanden sind, zu vermeiden. Ein einfaches Beispiel: Ich habe zwei edle Multiplex-Kinos frisch umgebaut, in Hannover und in Braunschweig. Die musste ich fünf Monate lang geschlossen halten, weil der Staat das so wollte. Danach gab es Einschränkungen, die einen wirtschaftlichen Betrieb unmöglich gemacht haben. Ich habe mit diesen beiden Kinos acht Millionen Minus gemacht, und erhalten habe ich vom Staat eine Entschädigung von 0,0 Euro.

Wieso kommt nichts an? Eigentlich geht es doch um Milliarden, die in die Filmbranche reinfließen sollen.

Flebbe: Es kommt nicht an. Von diesen 25 Milliarden, die zur Verfügung gestellt worden sind, ist ungefähr eine Milliarde abgeflossen. Das ist ein sehr kompliziertes Verfahren, was dem zugrunde liegt. Bei mir hätte es so ausgesehen: Ich habe acht Firmen, weil ich Kinos in verschiedenen Städten habe. Wenn jemand nur ein Geschäft hat, dann hätte er die Chance, wenn sein Umsatz um 80 Prozent zurückgegangen ist, an 50.000 Euro zu kommen, um vielleicht seine Miete zahlen zu können. Bei mir werden alle Firmen zusammengerechnet, sodass ich für die drei Monate insgesamt 150.000 Euro erhalten hätte - bei einem Verlust von acht Millionen merke ich die 150.000 Euro gar nicht. Aber dann werden noch tausend bürokratische Fallstricke aufgebaut, die dagegengerechnet werden. In Hamburg und in Berlin gibt es jeweils eine Kinoförderung, und diese kleineren Beträge werden dagegengerechnet, sodass ich effektiv irgendwann etwa 45.000 Euro bekommen würde, wenn die Bürokraten soweit sind, dass sie das alles ausgerechnet haben.

Es macht mich genauso sauer, dass diese Mogelpackung wahrscheinlich genauso auf das übertragen wird, was sie jetzt wieder großspurig angekündigt haben, dass 75 Prozent der Umsatzrückgänge ersetzt werden. Wir waren gerade auf einem ganz guten Weg, haben uns einigermaßen erholt, haben alle Kosten nach unten gefahren und haben versucht, das Geschäft halbwegs am Leben zu erhalten - und jetzt kommt der nächste Schlag ins Kontor, der meiner Meinung nach die Wirkung, die man erzielen will, nicht erzielen wird.

Wie wird die Kinobranche reagieren? Christine Berg vom Hauptverband Deutscher Filmtheater sagte auf NDR Kultur, dass der Verband darüber berate, ob gegen die Entscheidung der Bundesregierung geklagt werden soll oder nicht. Wie stehen Sie zu diesen Überlegungen?

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Flebbe: Jedes Mittel ist recht, weil die Verhältnismäßigkeit nicht stimmt. Natürlich werden wir klagen, aber bevor so eine Klage durchkommt, wird der halbe Monat um sein, und dann wird der Effekt auch nicht mehr so groß sein. Die Verleiher überlegen bestimmt auch, ob sie überhaupt noch Filme im Dezember, zu unserem Hauptgeschäft, in die Kinos bringen, weil keiner weiß, ob diese 50er-Hürde überhaupt noch eingehalten werden kann. Ich bezweifele, dass sie eingehalten wird. Die Verleiher brauchen Zeit, sie müssen Geld ins Marketing stecken. Die Hauptfilme "Tod auf dem Nil" oder "Wonder Woman" hätten wir in Deutschland wahrscheinlich zeigen können, und ich bin mir sicher, dass das den Amerikanern jetzt zu unsicher ist. Das Weihnachtsgeschäft ist also durch diese Entscheidung auch kaputt gemacht.

Oder die Verleger gehen direkt zu den Streamingdiensten Netflix und Apple.

Flebbe: Die ersten Lockdown-Wochen waren ja Werbewochen für Netflix: Die haben die Abo-Zahlen extrem gesteigert. Natürlich steht unser ganzes Geschäftsmodell infrage. Man kann es den Produzenten auch nicht verübeln, wenn sie nicht so lange warten können, bis wir unseren normalen Betrieb aufnehmen und wenn Netflix und Amazon ihnen so viel Geld anbieten, dass sie nicht nein sagen können. Ich hoffe allerdings, dass der James-Bond-Produzent Brokkoli dem Kino die Treue hält.

Für mich macht das alles sowieso keinen Sinn, denn bis jetzt haben die Produzenten doppelt verdient: Sie haben die Filme erst ins Kino gebracht und sind danach über die Streamingdienste ausgewertet worden. Wenn man die Kinos nicht mehr bespielen will, dann wird es vielleicht bei den Streamingdiensten ein bisschen höhere Umsätze geben - aber ob sie das Kino als Spieler ersetzen können, das würde ich doch stark bezweifeln.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer.

Hans-Joachim Flebbe sitzt in einem Kinosaal des Kinos Astor Grand Cinema © dpa Foto: Julian Stratenschulte

AUDIO: Corona-Lockdown: "Die Kinobranche fühlt sich als Bauernopfer" (7 Min)

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.10.2020 | 18:00 Uhr

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