Stand: 20.03.2020 20:15 Uhr  - NDR Kultur

Wie sollen Kinos die Corona-Krise überstehen?

Hamburgs Kinos werden kurzfristig mit zusätzlichen 200.000 Euro von der Stadt gefördert. Damit sollte die Kino-Kultur in der Hansestadt gestärkt und dem Film auf der großen Leinwand eine langfristige Perspektive gegeben werden. Das teilte die Kulturbehörde Mitte Februar mit - deutlich vor dem aktuell sehr dynamischen Verlauf der Corona-Krise. Wie stellt sich die Lage jetzt dar? Helge Albers, Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg-Schleswig-Holstein, gibt Antworten auf nun drängende Fragen.

Herr Albers, was bringen Ihnen diese 200.000 Euro in der Situation, wie sie sich jetzt darstellt?

Helge Albers im Interview.
Helge Albers klärt über Hilfe für Kreative der Filmbranche während der Corona-Krise auf.

Helge Albers: Da muss man sehr ins Detail schauen. Die 200.000 Euro, die jetzt im Gespräch sind, waren vorgesehen als Gegenfinanzierung der Bundesmaßnahme "Zukunftsprogramm Kino". Das waren investive Mittel, die in die Zukunftsfähigkeit der Kinos investiert werden sollten und nicht unbedingt in die Kostenstrukturen fließen können, die gerade akut gefährdet und betroffen sind bei den Kinos. Deswegen ist dieses Programm nicht eins zu eins anwendbar auf die aktuellen Probleme, die wir jetzt in der Corona-Krise sehen. 

Sie haben eine Umfrage unter Filmschaffenden gemacht, mit welchem Ergebnis?

Albers: Wir haben versucht, kurz nach dem Bekanntwerden der Präventivmaßnahmen der Corona-Krise uns ein Bild in der Branche zu verschaffen. Wir haben versucht, die Dimensionen einzukreisen und die Dimensionen zu erkennen, was die Branche angeht. Wir sehen natürlich, dass viele Kinos durch die Schließungen akut existenzgefährdet sind. Die Monate März und April sind für die Kinos einige der stärksten im Jahr. Mit dem kompletten Besucherwegfall gibt es da natürlich extreme Existenznöte, die sehr augenfällig sind.

Ein kleiner Kinosaal im Zoo Palast Kino in Berlin. © Service Filmtheaterbetrieb Foto: Jan Bitter

AUDIO: Das Gespräch zum Nachhören (4 Min)

Gleichzeitig führen Abbrüche und Verschiebungen von Dreharbeiten zu sehr großen Schwierigkeiten in der gesamten Branche. Dass verschobene Kinostarts nicht durchgeführt werden können, in die schon massiv Geld investiert wurde, bringt gerade kleine Verleiher in Existenzprobleme. Wir sehen in der gesamten Kette der Filmherstellung, von der Produktion bis zur Auswertung, einen Komplettausfall in der Branche. Wir müssen hier eine Branche komplett neu aufstellen und schauen, wie wir tätig werden können, um die Läden der Beteiligten zu retten und eine Strategie zu entwickeln, wie wir dann wieder aufbauen können.

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Gibt es da schon Ideen?

Albers: Es gibt Ideen, die sind zurzeit in der Abstimmung. Die Gespräche laufen auch sehr gut, sind sehr konstruktiv. Es ist allen Beteiligten klar, sowohl den Landesförderern als auch den Bundesförderern und auch den Behörden hier in Hamburg und Schleswig-Holstein, dass dringend Hilfe notwendig ist und dass die Hilfe unkompliziert kommen muss. In dem Sinne agieren wir. Ich denke, dass wir Anfang bis Mitte nächster Woche die Ideen präsentieren können, um die schlimmsten Beschwerden zu lindern und dann gleichzeitig Strategien entwickeln, wie wir mittelfristig agieren können. Wie lange uns die Corona-Krise begleitet, weiß noch niemand. Wann man danach wieder in einen ungefähren Normalbetrieb zurück kommen wird, genauso wenig. Es ist natürlich klar, dass nicht am Tag eins nach Corona alles wieder normal läuft, sondern dass auch dann noch größere Anlaufschwierigkeiten zu erwarten sind.

Was wünschen Sie sich persönlich?

Albers: Ich wünsche mir, dass wir als Branche und auch als Gesellschaft insgesamt einen Gedanken von Solidarität und einen sorgsamen Umgang miteinander pflegen; dass wir nicht nur unseren eigenen Bereich anschauen, so sehr der einen bedrückt im Moment und so schwer es auch ist. Man kann davon ausgehen, dass jedes Segment der Branche, jedes Segment in der Gesellschaft von Corona betroffen ist und mit den Problemen umgehen muss. Wir werden das nur gemeinsam schaffen. Auch in der Filmbranche wird es so sein, dass man sehr viel Rücksicht aufeinander nehmen und sehr viel Verständnis aufbringen muss für die Sorgen der anderen. Man muss davon ausgehen, dass es eine Krise ist, die uns noch länger begleitet. Selbst wenn sie irgendwann vorbei sein sollte, werden die Auswirkungen noch sehr lange spürbar sein.

Das Gespräch führte Raliza Nikolov.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.03.2020 | 19:00 Uhr

Ein kleiner Kinosaal im Zoo Palast Kino in Berlin. © Service Filmtheaterbetrieb Foto: Jan Bitter
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