Stand: 19.09.2018 11:35 Uhr

"Pianist Chilly Gonzales ist ein Performance-Tier"

Bild vergrößern
Dort sitzt Chilly Gonzales am liebsten: auf dem Klavierhocker am Flügel, im Bademantel mit Puschen.

Grammy-Gewinner, Entertainer, Klaviervirtuose, Komponist, Jazzmusiker, Popmusiker - viele Begriffe beschreiben den 1972 geborenen Kanadier Jason Beck, den die meisten als Chilly Gonzales kennen. In Musiker- und Fan-Kreisen legendär sind seine Konzertauftritte, bei denen er stets exzentrisch gekleidet im Bademantel mit Puschen auf der Bühne steht. Journalist Philipp Jedicke hat ein musikalisches Porträt mit und über Chilly Gonzales gedreht, der lange in Berlin arbeitete und heute in Köln lebt. Die Dokumentation "Shut Up And Play The Piano" kommt am 20. September ins Kino - und zeigt den Werdegang vom Jugendlichen über den Punkmusiker bis zum Jazz-Chamäleon. NDR Kultur hat den Regisseur Jedicke vor dem Filmstart getroffen.

In welchem Moment haben Sie gewusst, über diesen Künstler möchte ich einen Film drehen?

Bild vergrößern
Beste Stimmung bei der Weltpremiere in Berlin: Regisseur Philipp Jedicke (von rechts) mit den Künstlern Chilly Gonzales, Peaches und Nina Rhode.

Philipp Jedicke: Neugierig war ich schon immer. Ich habe seine Karriere verfolgt, seit ich in Kanada gelebt habe. Das war ungefähr 2001. Irgendwann habe ich erfahren, dass er in Köln lebt. Dann habe ich eine Gelegenheit abgewartet, ein Interview mit ihm zu führen. Wir haben das Gespräch, das nur 20 Minuten lang sein sollte, über eine Stunde ausgereizt und über Gott und die Welt geredet. Über kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich, über Kanada. Da habe ich gemerkt, wie gebildet er ist, und wie kulturell interessiert. Er ist ein wahnsinniger Stand-Up-Comedy-Fan. Fast ein Nerd. Die Faszination habe ich unbedingt teilen wollen und habe ihn aus einem inneren Drang heraus gefragt, ob ich einen Film über ihn machen darf. Er hat sofort "ja" gesagt.

Es ist in der Tat in der Tat ein vielseitiges Porträt geworden. Quasi ein mit Energie ansteckendes, 88-minütiges Musikvideo ...

Jedicke: (lacht), Danke. Ich habe dreieinhalb Jahre mit ihm verbracht. Ich habe Seiten an ihm entdeckt, die ich vorher nicht erwartet hätte. Insofern war es für mich eine richtige Entdeckungsreise.

 

Treibt dessen ansteckende Energie Sie als Filmemacher nicht auch ein bisschen bis zur Erschöpfung?

Jedicke: Ja, absolut. Gerade am Anfang, als ich mich mit ihm getroffen habe und er hat erzählt. Das ging so schnell. Ich glaube, sein Gehirn funktioniert anders als die meisten anderen Gehirne. Er kann an alles sofort andocken, ist extrem schlagfertig und bringt dann schon die nächste Assoziation, ich bin danach manchmal richtig erschöpft. Das Energielevel, was er hat, ist extrem hoch.

Auf wie viel Fremdmaterial aus Archiven haben Sie zugreifen können?

Jedicke: Das Archiv spielt eine riesige Rolle. Ich hatte am Anfang einen riesigen Umzugskarton von seinem Label bekommen, wo wir uns erst einmal durcharbeiten mussten. Dann war es wieder so, dass neue Sachen überraschend dazu kamen. Zum Beispiel hat die Musikerin Peaches am Ende der Drehzeit gesagt, "ich habe auch in meinem Archiv noch ziemlich viel Zeug, wollt ihr das mal sehen?" Das haben wir noch eingearbeitet.

Es gibt ein Konzert von Gonzales mit dem Radio-Symphonieorchester Wien, über das es eine Konzert-DVD gibt. Dirigent war damals Cornelius Meister. In der Doku sagt er aber nun sinngemäß, Chilly Gonzales sei letztendlich ein Durchschnittspianist. Was ist Ihnen bei dieser Aussage durch den Kopf gegangen?

Bild vergrößern
Liebt lange Spaziergänge: der Musiker Chilly Gonzales.

Jedicke: Das war schon ein ganz schöner Schocker. Ich habe mich auch gefragt, wie wird Gonzales darauf reagieren, wenn er das sieht? Wir haben das in der Rohschnittfassung zusammen angeguckt, und er hat gelacht, und hat gesagt "He's right!" (lacht) - also, Meister habe recht. Er hat erklärt, dass er wieder dabei ist, sich das Vom-Blatt-Spielen anzutrainieren und dass er tatsächlich nicht der klassische Solist ist. Das will er auch gar nicht sein. Er sieht sich hauptsächlich als Entertainer. Das weiß Dirigent Cornelius Meister auch.

Wie wichtig ist Chilly Gonzales für die Jazz-Szene?

Chilly Gonzales (links) mit rosa Jackett blickt in die Kamera © 2018 Rapid Eye Movies & Gentle Threat

Zum Nachhören

NDR Kultur

Vom Punkmusiker zum Jazz-Chamäleon im Bademantel: Philipp Jedicke porträtiert Chilly Gonzales.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Jedicke: Das ist schwierig einzuschätzen. Seine Alben haben nie ein bestimmtes Genre. Die Solopiano-Alben haben jazzige, gleichzeitig auch klassische Anklänge. Ich merke, dass er immer mehr Würdigung der Jazz-Szene erfährt, weil er letztes Jahr beim Montreux Jazz Festival eingeladen war. Ich glaube, dass er eine starke Wirkung auf die gesamte Musikwelt hat, in der Art, wie er an Konzerte herangeht. Dieses Performance-Tier, das er ist, wie er sich auf der Bühne verwandelt, wie er Situationen ironisieren kann, wie er bestimmte Erwartungen immer wieder bricht, das hat viele Musiker beeinflusst. Jeder Musiker kennt Chilly Gonzales.

Mit seinen extrovertierten Auftritten im Bademantel am Flügel erinnert er an den US-Pianisten und Entertainer Liberace ...

Jedicke: Etwas Blumiges-Barockes hat er an sich, das stimmt - und etwas Flamboyantes. Gleichzeitig kann er ganz minimalistisch sein. Wenn es darum geht, Klavierübungen zu trainieren - die macht er jeden Morgen zur selben Zeit. Er macht jeden Tag Spaziergänge. Er ist in bestimmten Dingen fast schon mönchshaft. Man kann ihn in keine Schublade stecken. Deswegen ist der Film auch so wild, wie er ist.

Die Fragen stellte Patricia Batlle.

Philipp Jedickes Dokumentation läuft deutschlandweit in ausgewählten Kinos ab 20. September. Chilly Gonzales' neues Studioalbum "Solo Piano III" ist am 7. September 2018 erschienen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 20.09.2018 | 06:20 Uhr

Mehr Kultur

59:23
NDR Fernsehen

Peter Heinrich Brix - ein Mann mit Charakter

02.01.2019 15:00 Uhr
NDR Fernsehen
06:27
Nordmagazin

1979 auf Rügen: Notfall-Geburt im Schneesturm

30.12.2018 19:30 Uhr
Nordmagazin
28:30
NDR Fernsehen

24 Stunden im Wunderland

18.12.2018 14:00 Uhr
NDR Fernsehen