Adam Driver als Henry und Marion Cotillard als Ann im Film "Annette" © picture alliance / ZUMAPRESS.com | Amazon Studios

Cannes 2021: Abgehobene Bilder und eine echte Entdeckung

Stand: 12.07.2021 18:07 Uhr

Die 74. Filmfestspiele von Cannes sind in vollem Gange. Es mehren sich Gerüchte, dass die Inzidenzzahlen am Wochenende so sprunghaft angestiegen seien, dass möglicherweise ein Abbruch unmittelbar bevorsteht. Die Filmkritikerin Katja Nicodemus berichtet aus Cannes.

Frau Nicodemus, wie fühlen Sie sich in Cannes?

Katja Nicodemus: Es ist schon seltsam, wie lax hier mit der Pandemie umgegangen wird. In Cannes braucht man einen höchstens 48 Stunden alten PCR-Test, wenn man den Festival-Palais betritt - aber nicht, wenn man in die Kinos der Stadt geht. Das ist schon sehr seltsam, weil diese Kinos voll sind und man ohne Abstand neben anderen Menschen mit Plexiglasvisieren sitzt. Das wird auch nicht groß kontrolliert. Richtig schockiert war ich vor ein paar Tagen als Thierry Fermaux, der künstlerische Leiter des Festivals vor einer Vorführung auf der Bühne stand und zu einem Mann im Publikum, der keine Maske trug, sagte: "Setzen Sie das Ding jetzt mal auf, sonst werden Sie noch von einem Journalisten denunziert." Das ist schon eine sehr seltsame Haltung, finde ich. Dass hier jeden Tag größere Infektionszahlen gemeldet würden, scheint mir dennoch ein Gerücht zu sein. Das ist jedenfalls nicht zu bestätigen und von einem Abbruch des Festivals geht hier niemand aus.

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Der Palais des Festival mit dem Plakat der 74. Internationelen Filmfestspiele Cannes © picture alliance / ASSOCIATED PRESS Foto: Brynn Anderson

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Nicodemus: Der Film "Annette" von Leos Carax hat das Festival eröffnet, und das war gleich eine super gleißende Feuerwerksrakete von einem Film, eine Feier des Kinos. Es ist ein Musical über zwei Künstlertypen, gespielt von Adam Driver und Marion Cotillard. Sie ist eine Opernsängerin, die in der technischen Perfektion ihres Gesanges aufgeht. Sie verliebt sich in Henry, der ein Stand-up-Comedian mit einem sehr morbiden Programm ist. Er neigt zur Gewalt und zu Alkoholexzessen. Die beiden verlieben sich und bekommen ein Kind, und dieses Kind ist eine Gliederpuppe. Darüber wird aber überhaupt nicht groß gesprochen, was schon die ganz normale Absurdität dieses Films zeigt. Henry zieht seine Familie in seinen Abgrund, in seine Düsternis hinein. Für diese Geschichte findet Leos Carax eine Ästhetik der Überhöhungen, der abgehobenen Bilder. So etwas hat man noch nie gesehen - und das ist etwas Tolles, was man über einen Film sagen kann.

Und wenn wir schon vom Abheben sprechen, da muss ich den neuen Film von Paul Verhoeven noch erwähnen. "Benedetta" gehört zum Genre des sogenannten Nunsploitation, also Exploitation-Filme mit Nonnen - Sex und Skandale im Nonnenkloster. Eine junge Nonne hat im 17. Jahrhundert Jesus-Visionen. Sie wird wie eine Heilige verehrt, und sie nutzt ihre Macht, um ihr lesbisches Begehren auszuleben - sehr zum Missfallen der Äbtissin, gespielt von Charlotte Rampling. Verhoeven spielt mit der Ästhetik des Trash-Films, und seine Bilder haben so einen billigen Glamour. Auch die Einfälle sind teilweise billig und gewollt blasphemisch: Es gibt zum Beispiel eine kleine Marienfigur, die zum Dildo umfunktioniert wird. Der Film ist eine lesbische Attacke auf die Kirche und auf die männliche Macht des Klerus und hat irren Spaß gemacht.

Das erste Wochenende von Cannes ist traditionell immer besonders starbesetzt - wie war das in diesem Jahr?

Nicodemus: Es gab auch an diesem Wochenende ein echtes Stargeklingel: Matt Damon war da, Tim Roth, Sean Penn und seine Tochter Dylan. Womit wir aber auch schon bei der Zweischneidigkeit des Starkults an der Croisette angelangt wären. Denn es hat sich wieder mal herausgestellt, dass es doch seltsam ist, einen Film allein wegen der US-amerikanischen Prominenz zu zeigen.

Sean Penns Film "Flag Day" handelt von einem Mann, der am Gedenktag "Flag Day" geboren ist, der die amerikanische Flagge zelebriert. Dieser Mann denkt, das Schicksal schuldet ihm deswegen irgendwas. Erzählt wird aber die Geschichte eines schlimmen Abstiegs in die Kriminalität. Dieser Mann, gespielt von Sean Penn, wird von seiner Tochter sehr geliebt - das zeigt der Film in verschiedenen Altersstufen. Das hatte etwas seltsam Privates, dass sich Sean Penn von seiner eigenen Tochter im Kino anhimmeln lässt. Letztlich hat der Film nur den Sinn einer schauspielerischen Selbstbeweihräucherung von Sean Penn in allen Abstufungen des Scheiterns und des Elends. Er erzählt auch nichts von der amerikanischen Gesellschaft. Das war eher ein ziemlicher Reinfall.

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Timothée Chalamet als Paul Atreides im Kinofilm "Dune" © 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. Foto: Chiabella James

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Nicodemus: Uns erwartet zum Beispiel eine echte Entdeckung. So etwas erlebe ich nur alle paar Jahre. Es war zum Beispiel mit den Filmen des Japaners Takeshi Kitano so, dass man einen Film sieht, wo einem die Augen ganz weit aufgehen - morgens um 8.30 Uhr in Kino. Das war wieder so bei Ryūsuke Hamaguchi: Sein neuer Film heißt "Drive My Car" und handelt von einem Theaterregisseur, der seine Frau verloren hat und der nun ein Theaterstück in Nagasaki inszeniert: "Onkel Wanja" in verschiedenen Sprachen - Japanisch, Mandarin, Koreanisch und Gebärdensprache. Das funktioniert ganz toll bei den Proben. Tschechows "Onkel Wanja" ist hier ein Stück, dessen Personen in einer Lethargie gefangen sind. Das gilt auch für diesen Regisseur und für die junge Frau, die ihn jeden Morgen zu den Proben chauffiert. Die junge Frau fühlt sich schuldig am Tod ihrer Mutter. Diese beiden Menschen kommen sich auf diesen Fahrten näher und ganz langsam entsteht ein ganz tolles Tableau über Liebe, Verlust, Trauer und Freundschaft. Dieser Film wird, glaube ich, Filmgeschichte schreiben, und es wird mit dem Teufel zugehen, wenn er in Cannes nichts gewinnt. Er hat auch schon einen deutschen Verleih.

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Was waren denn die schönsten Momente auf der Leinwand oder auch jenseits der Leinwand?

Nicodemus: Auf der Leinwand eindeutig Charlotte Rampling als genervte Äbtissin, die aufgrund des lesbischen Trubels um sie herum immer so schön die Augen rollt, die Stirn runzelt, einfach nur genervt ist und ihre Macht langsam verliert. Ich würde fast ins Kloster gehen, wenn Charlotte Rampling die Äbtissin wäre. Und mein Liebster Moment jenseits der Leinwand war, als ich mit einer Kollegin die französische Schauspielerin Catherine Deneuve beobachtet habe, die ganz nervös im Festival-Palais herumgelaufen ist und dann endlich einen Balkon gefunden hat, wo sie rauchen konnte. Das war einfach schön zu sehen, wie sich dieser französische Star diesen Moment nahm, um sich endlich genüsslich den Rauch tief in die Lungen reinzuziehen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.07.2021 | 18:00 Uhr

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