Stand: 20.05.2019 07:20 Uhr

Cannes 2019: Halbzeit und ein Favorit

Es ist Halbzeit bei den Filmfestspielen in Cannes. Zeit, um ein Zwischenfazit zu ziehen. US-Regisseur Terrence Malick hat 2011 die Goldene Palme gewonnen und gestern sein neues Werk "Ein verborgenes Leben" (Arbeitstitel: "Radegund") vorgestellt. Und wenn es im Wettbewerb in Cannes schon keinen Film eines deutschen Regisseurs gibt, dann immerhin diese deutsche Koproduktion mit einem großen Aufgebot deutschsprachiger Stars: Es geht um die wahre Geschichte eines österreichischen Bauern, der während der Zeit des Nationalsozialismus den Kriegsdienst verweigert hat. Katja Nicodemus, Filmkritikerin der "Zeit", verfolgt die Filmfestspiele für uns in Cannes.

Was hat Malick denn an diesem Stoff so fasziniert?

Bild vergrößern
Valerie Pachner (Dritte von links) und Augsut Diehl (rechts neben ihr) spielen die Hauptrollen in Terrence Malicks neuem Film "Ein verborgenes Leben".

Katja Nicodemus: Terrence Malicks Filme sind ja immer wieder eine spirituelle Auseinandersetzung mit der Gewalt. Er zeigt immer wieder Gesellschaften, Familien, Formen menschlichen Zusammenlebens, die durch Gewalt geprägt sind. Und dann stellt er dem andere Ordnungen gegenüber, zum Beispiel die Natur. Und das ist auch in diesem Film so: Hier geht die Gewalt vom Zweiten Weltkrieg aus. Der Bauer Franz Jägerstätter wird zur Wehrmacht eingezogen. Er verweigert den Kriegsdienst aus religiösen Gründen. Er wird dann auch verhaftet und verurteilt. Und demgegenüber stellt Terrence Malick die dörfliche bäuerliche Ordnung in einem österreichischen Tal, dem Ort Radegund, wo Jägerstätter mit seiner Frau lebt. Er wird übrigens von August Diehl gespielt und sie von Valerie Pachner, eine ganz tolle österreichische Schauspielerin. Und diese kleine Welt, in diesem kleinen Dorf, das im Rhythmus der Jahreszeiten steht, die Arbeit auf dem Feld, im Stall und Scheune, das ist schon sehr beeindruckend. Da bekommt der Film so eine gewisse Erdung und er ist auch weniger spirituell und weniger pathetisch als andere Terrence Malick-Filme. Ich muss sagen, dass diese deutschen Stars - Alexander Fehling, Franz Rogowski, Ulrich Matthes, auch Bruno Ganz in seiner letzten Rolle -, die fügen Sie sich schon sehr toll in dieses Malick-Universum ein.

Der französische Schauspieler Alain Delon hat die Goldene Palme für sein Lebenswerk bekommen. Das ist aber eine umstrittene Entscheidung: Unter anderem hatten ihm Feministinnen vorgeworfen, rassistisch, homophob und frauenfeindlich zu sein. Wie ist denn diese Auszeichnung in Cannes aufgenommen worden?

Bild vergrößern
Alain Delon ist mit einer Goldenen Palme für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden.

Nicodemus: Alain Delon wurde gestern bei der Zeremonie sehr gefeiert. Er hat sich ja einen bestimmten Film gewünscht: "Monsieur Klein" von Joseph Losey (aus dem Jahr 1976, Anm. d. Red.). In dem Film spielt er einen Kunsthändler, der sich mit den Nazis einlässt, von den Nazis profitiert und der sich dann wandelt. Dieser Film war ihm immer sehr wichtig. Er hat ihn auch selbst produziert. Und ich muss sagen, Alain Delon ist ein rechter Typ, auch ein reaktionärer Typ und die Vorwürfe die ihm davon dieser Kampagne gemacht wurden, die waren teilweise ungerecht und unglaublich verkürzt. Ich finde es absolut richtig, dass dieser Schauspieler mit seiner wirklich großen Karriere hier gefeiert wurde und auch diesen Film zeigen konnte, indem er weniger bekannte Facetten entwickelt.

Es ist Halbzeit in Cannes. Sagen sie noch kurz welcher Film hat sie bisher am meisten beeindruckt?

Bild vergrößern
Antonio Banderas als alternder Regisseur in einer Szene aus "Leid und Herrlichkeit" von Pedro Almodóvar.

Nicodemus: Ganz klar "Leid und Herrlichkeit", der neue Film von Pedro Almodóvar mit Antonio Banderas in der Rolle von Pedro Almodóvars Alter Ego. Ein ganz toller Film: Ein Regisseur in der Krise, der Rückenschmerzen und Hustenkrämpfe hat und der die Fäden seiner Biografie wieder aufnimmt. Und ich muss sagen, so fragil und verwundbar hat man Antonio Banderas noch nie gesehen, so traurig und empfindsam. Ich glaube, er ist hier wirklich ein großer Kandidat für die Palme des besten Darstellers.

Cast des Films "Radegund" mit Augsut Diehl und Valerie Pachner © imago images / Xinhua

Halbzeit der Filmfestspiele in Cannes

NDR Kultur -

Ein Zwischenfazit zur Halbzeit in Cannes: Jan Wiedemann spricht mit Katja Nicodemus über Terrence Malicks "Ein verborgenes Leben" und die Goldene Palme für Alain Delon.

4,67 bei 3 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 20.05.2019 | 07:20 Uhr

weitere Informationen

"Es gibt ein Newcomer-Problem in Cannes"

Bereits zum 72. Mal finden die Internationalen Filmfestspiele von Cannes statt. Die Filmkritikerin Katja Nicodemus gibt einen Ausblick auf das Festival. mehr

Zombiekomödie hat Filmfest Cannes eröffnet

Die 72. Filmfestspiele in Cannes sind am Dienstag mit einer Zombiekomödie von Jim Jarmusch gestartet. Im Wettbewerb laufen Filme von Pedro Almodóvar, Jessica Hausner und Terrence Malick. mehr

Akin-Produzentin: "Cannes ist größtes Filmfest"

Am 14. Mai startet das 72. Filmfestival in Cannes. Die Hamburger Fatih-Akin-Produzentin Nurhan Sekerci-Porst ist in die Jury der Reihe "Un certain regard" berufen worden. Ein Gespräch. mehr

Mehr Kultur

54:00
NDR Kultur

Peace Island

NDR Kultur
02:29
Hamburg Journal