Stand: 27.02.2020 14:51 Uhr

"Bombshell" - Ein Filmbeitrag zur #MeToo-Debatte

von Katja Nicodemus

Jay Roachs Film "Bombshell - Das Ende des Schweigens" über einen Belästigungsskandal bei dem amerikanischen TV-Sender Fox News war für drei Oscars nominiert, darunter Charlize Theron in der Kategorie der besten Hauptdarstellerin. Am Ende wurde es nur der Oscar für das beste Make-up.

Es ist ein Schlangennest, ein Wespennest, eine Mördergrube. Es ist durchaus unterhaltsam, zu Beginn von Jay Roachs Film "Bombshell" eine kleine Einführung in die Methoden und Machenschaften des reaktionären Fernsehsenders "Fox-News" zu bekommen.

Margot Robbie blickt hinter Kulissen bei "Fox News"

Gemeinsam mit einer jungen, ehrgeizigen neuen Mitarbeiterin, gespielt von Margot Robbie, sehen wir uns in der Redaktion um. Eine Kollegin gibt ihr eine Einführung in das, was "Fox News" journalistisch ausmacht. Letztlich ist es eine Einführung in eine Ressentiment-Fabrik. Hohe Tische, die die nackten Beine der Moderatorinnen freilegen, Kameras, die eigens dazu dienen, diese Beine in rechtes Licht zu rücken.

Charlize Theron spielt Moderatorin und Trump-Gegnerin

Mit perfekter, oscarprämierter Maske spielt Charlize Theron die Moderatorin Megyn Kelly, die es im sexistischen Umfeld von "Fox News" ganz nach oben geschafft hat. Bei einer live übertragenen Sendung mit den republikanischen Präsidentschaftsbewerbern stellt Megyn Kelly Donald Trump unbequeme Fragen zu seinem verächtlichen Umgang mit Frauen - und gerät dadurch ins Visier seiner Twitterattacken.

Weshalb lässt sich eine so selbstbewusste Frau im Umfeld des eigenen Senders den alltäglichen Sexismus gefallen? Die Antwort gibt Margot Robbies Figur der Kayla Pospisil. "Fox News" ist nicht einfach ein Sender. "Fox News" ist die Religion und zugleich die Kathedrale des ultrakonservativen Amerikas.

Die hübsche Kayla schafft es sogar, ins Allerheiligste von "Fox News", ins Büro des Sender-Chefs und "Fox-News"-Mitbegründers Roger Ailes. Um ihre "Qualitäten" als mögliche Moderatorin zu bewerten, lässt Ailes sie posieren, nötigt sie sogar ihren Rock hochzuziehen, bis er ihren Slip sieht.

Nicole Kidmans Figur wehrt sich gegen Sexismus

Es ist eine entwürdigende Situation. Wie viele Frauen wurden auf diese Weise behandelt? Wie viele von ihnen ließen sich zu sexuellen Handlungen nötigen oder auch erpressen? Warum machte keine von ihnen den Mund auf? Als die von Nicole Kidman gespielte Moderatorin Gretchen Carlson es dennoch tut, wird klar, weshalb. Ihre Anwälte sprechen Klartext.

Gretchen Carlson verklagt Roger Ailes wegen sexueller Belästigung. So konventionell Jay Roachs Film streckenweise inszeniert sein mag - das Drehbuch von Charles Radolph entschädigt für vieles. Etwa als die Nachricht von der Klage den Sender erschüttert. Auch in Megyn Kellys Team werden die Vorwürfe besprochen. Und man merkt Charlize Theron die heimliche Freude an, wenn sie als Megyn Kelly ihren Mitarbeiterinnen erklärt, wie die Welt aussieht.

Konservativer Chef, der niemals Widerstand erlebte

Roger Ailes, der Chef von "Fox News", wird dargestellt von John Lithgow. Er spielt ihn als keineswegs nur unsympathischen Fernseh- und Entertainment-Profi. Als konservativen Knochen, dessen zu tiefst misogynes Verhalten gewissermaßen Teil seiner DNA ist. Diesem Mann, einem Vertrauten und Freund des "Fox-News"-Besitzers Rupert Murdoch, wurde nie Widerstand entgegengebracht. Wer weiß, vielleicht glaubt er seine Rechtfertigungen sogar selbst.

Das dramaturgische Problem von "Bombshell" besteht darin, dass wir den Ausgang der Geschichte kennen. Oder zumindest erahnen. Die Frage, ob die von Charlize Theron gespielte Moderatorin den Mund aufmachen und ihre eigene sexuelle Belästigung öffentlich machen wird, ist bald keine wirkliche Frage mehr. Die Drohungen von Roger Ailes wirken bald nicht mehr bedrohlich. Auch wenn sie von John Lithgow wunderbar fies gespielt werden.

Bombshell - Das Ende des Schweigens

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
USA, Kanada
Zusatzinfo:
mit Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie
Regie:
Jay Roach
Länge:
105 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
13. Februar 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 13.02.2020 | 07:20 Uhr

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