Stand: 23.04.2020 07:35 Uhr  - NDR Kultur

"Taxi zum Klo": Vom Skandalfilm zum Streaming-Kino

Taxi zum Klo
, Regie: Frank Ripploh
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Hier geht es um einen Klassiker deutschen Kinos, der nun per Streaming herauskommt: Bei seiner Premiere im Jahr 1980 löste "Taxi zum Klo" in den Kinos der Bundesrepublik einen Skandal aus - und wurde kurz darauf spektakulär mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet. Heute gilt Frank Ripplohs schwuler Liebesfilm als ein Klassiker des queeren Kinos in Deutschland. Filmexpertin Katja Nicodemus stellt den Film im Gespräch vor.

Vor vierzig Jahren löste der Film von Frank Ripploh einen Skandal aus - wie skandalträchtig wirkt er, wenn man ihn sich heute anschaut? 

Katja Nicodemus: Der Film erzählt eine schwule Liebesgeschichte in den 1980er-Jahren und ist zugleich ein Dokument von West-Berlin in dieser Zeit. Die Kamera folgt Frank, einem Lehrer, der seine Sexualität in vollen Zügen genießt. Er sucht den schnellen Sex auf Toiletten. Er sucht One Night Stands. Und eines nachts nimmt ihn aus einem Kino Bernd mit nach Hause und eine Beziehung entsteht.

Jetzt erleben wir die zwei Männer, die einander tief verbunden sind, ihre Liebe aber unterschiedlich leben wollen. Bernd will Zweisamkeit, Treue, das gemütlich verbindliche Zusammensein, ein Häuschen auf dem Land und Frank will sein wildes Leben fortsetzen, nach draußen gehen, weiter Männer aufreißen, sexuelle Abenteuer erleben.

Der Regisseur Frank Ripploh ist zugleich auch der Hauptdarsteller. Die Sexszenen auf diesen nächtlichen Streifzügen sind sehr explizit: erigierte Geschlechtsteile, das ganze Programm! Das würde man heute vielleicht nicht mehr Skandalfilm nennen, aber wenn Frank, der Lehrer, dann auf der Toilette Schularbeiten korrigiert bevor es zum nächsten Sex kommt, das hat schon etwas sehr anarchisch Provozierendes.

Der Beitrag zum Hören

NDR Kultur - Klassisch in den Tag -

Ein Klassiker des deutschen Kinos kommt nun per Streaming heraus: Bei seiner Premiere im Jahr 1980 hat der Film "Taxi zum Klo" von und mit Frank Ripploh einen Skandal ausgelöst.

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Welche anderen queeren Filme waren denn wichtig oder einflussreich im deutschen Kino?

Nicodemus: Bahnbrechend war der Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" von Rosa von Praunheim. Das war 1971. Der Film ist eine fast ethnografische Erkundung der schwulen Subkultur der 1970er-Jahre. Rosa von Praunheim mokiert sich darüber, dass seine Figuren versuchen, die bürgerliche Ehe zu kopieren.

Wichtig war auch Rainer Werner Fassbinders Film "In einem Jahr mit 13 Monden" - ein Melodram über die transsexuelle Elvira Weishaupt von 1978. Ergreifend gespielt von Volker Spengler. Auf lesbischer Seite sollte man die Regisseurin Monika Treut nennen, deren Werk sich seit Jahrzehnten um queere Lebenswelten dreht.

Für ein gewisses Aufsehen hat der Film "Aimée und Jaguar" gesorgt, in dem Maria Schrader und Juliane Köhler ein lesbisches Liebespaar während der Nazizeit spielen. Das war Ende der 1990er, allerdings sehr konventionell inszeniert von Max Färberböck.

Ich würde noch gern empfehlen, auch einmal in die Filmgeschichte zu schauen. Den Film "Mädchen in Uniformen" von 1958 sollte man sich unbedingt anschauen. Romy Schneider und Lilly Palmer: flammende Blicke in einem Mädchenpensionat. Das ist ein Film von Géza von Radványi und wirklich ein großes, deutsches, lesbisches Melodram - sehr zu empfehlen!

Beim deutschen Filmpreis geht es bei den Nominierungen auch immer um die Abbildung eines Jahrgangs. Ist denn das queere Kino da auch repräsentiert?

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Die queere Geschichte "Futur 3" von Faraz Shariat fehlt leider beim Deutschen Filmpreis. Die Liebesgeschichte ist nicht nominiert.

Nicodemus: Ich finde beim Deutschen Filmpreis fehlt unter den Nominierungen ein Film, der es leider nur in die Vorauswahl geschafft hat: "Futur 3" von Faraz Shariat. Das ist eine schwule Liebesgeschichte zwischen einem Sohn persischer Migranten und einem irakischen Flüchtling und auch eine Dreiergeschichte. In ihrer Leichtigkeit erinnert diese Geschichte ein bisschen an die Ménage à trois in François Truffauts Film "Jules und Jim". Das ist ein wirklich kraftvoller Film, der getragen ist von der jugendlichen Lebensenergie seiner Macher. Der hat im vergangenen Jahr auch den First Steps Award für den besten Nachwuchsfilm gewonnen, hat es aber leider nicht unter die Nominierungen geschafft.

Den Preis des publikumsstärksten Filmes bekommt "Das perfekte Geheimnis" von Bora Dagtekin. Da geht es unter anderem um ein schwules Geheimnis. Das wird hier aber mit großem Ah und Oh präsentiert und problematisiert. Letztlich ist der Film ein zeitlicher Rückfall - vielleicht in die 50er-Jahre. In dieser Hinsicht ist das Deutsche Kino eigentlich viel weiter.

Das Gespräch führte Philipp Schmid.

"Taxi zum Klo" diesen Klassiker des nicht heterosexuellen Films kann man für 4,99 Euro im Salzgeber Club leihen.

Taxi zum Klo

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
1980
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Frank Ripploh, Bernd Broaderup, Gitte Lederer
Regie:
Frank Ripploh
Länge:
92 Min.
FSK:
ab 16 Jahre

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 23.04.2020 | 07:20 Uhr

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