Stand: 30.04.2019 06:00 Uhr

Beziehungsdrama um ein traumatisches Erlebnis

Das schönste Paar
, Regie: Sven Taddicken
Vorgestellt von Anna Wollner

Die Dunkelziffer liegt hoch. Niemand weiß genau, wie viele Vergewaltigungen nicht zur Anzeige gebracht werden. Die Täter kommen straffrei davon - und die Opfer sind auf sich allein gestellt und müssen das Erlebte verarbeiten. Sven Taddicken erzählt in "Das schönste Paar" davon, wie ein junges Paar mit der traumatischen Erfahrung einer Vergewaltigung zurechtkommt - oder eben auch nicht.

Vergewaltigung im eigenen Heim

Es war nur ein kleiner Moment, zehn Minuten, der das Leben von Liv und Malte, verändert hat. Zwei Jahre zuvor, ein Urlaub auf Mallorca: Die beiden lieben sich am Strand, gehen zurück in ihr Ferienhaus, da stehen auf einmal drei deutsche Jugendliche vor der Tür und verschaffen sich ungefragt Zutritt ins Haus. Malte will ihnen Geld geben, die teure Digitalkamera, aber einer von ihnen zwingt ihn dazu, mit Liv zu schlafen - und vergewaltigt die junge Frau dann selbst.

Der Auftakt von "Das schönste Paar" erinnert an Michael Haneckes "Funny Games". Aber wo der österreichische Altmeister die Home-Invasion bis ins Letzte zelebriert, springt Regisseur Sven Taddicken hier zwei Jahre. Malte und Liv, beide Lehrer, haben sich arrangiert mit ihrem Leben danach. Sie haben den Alltag so ausgelotet, dass sie das Erlebte entweder verdrängt oder zumindest weit genug beiseitegeschoben haben. Eine juristische Strafverfolgung war ohne Erfolg, die Psychotherapie von Liv ist kurz vor dem Abschluss.

Zusammentreffen mit dem Vergewaltiger

Doch dann sieht Malte zufällig den Täter in der Stadt, weiß nicht, wie er damit umgehen soll, und die scheinbare Idylle bekommt erneut Risse.

Dem gebürtigen Hamburger Taddicken gelingt es dabei, die Beziehung zwischen Malte und Liv immer wieder neu auszuloten, ohne dabei in ein plumpes Rachedrama zu verfallen. Die Liebe der beiden ist immer präsent - ohne dass Taddicken zu großes Aufsehen darum macht. Es sind die kleinen Gesten, flüchtige Handbewegungen, einzelne Blicke. Doch nach und nach verschieben sich die Erwartungen in der Beziehung.

Die Rolle der Liv war schwierig zu spielen

Es sind die vielen Zwischentöne im Drehbuch und das nuancierte Spiel von Luise Heyer und Maximilian Brückner, die eine große Wirkung haben. "Das schönste Paar" ist ein Film ständig unter Anspannung - genau wie Hauptdarstellerin Luise Heyer: "Es war schon eine Grenzerfahrung, das zu drehen. Weil ich eine Figur gespielt habe, die permanent unter Anspannung steht, weil sie krampfhaft versucht, die Vergangenheit wegzudrücken und nicht in dem Prozess ist, wo sie es gerade verarbeitet, sondern die zwei Jahre überspringt. Das kommt immer und immer wieder hoch und wird während des Drehs permanent mitgeschleppt. Ich bin jetzt keine Schauspielerin, die abends aussteigt und morgens wieder einsteigt. Ich versuche es, aber es arbeitet permanent in mir. Deswegen war das vor allem anstrengend", erklärt Heyer.

"Das schönste Paar" erzählt von einem großen Trauma, ausdifferenziert und mit einer unterschwelligen Wucht, die im deutschen Kino selten zu finden ist.

Das schönste Paar

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland, Frankreich
Zusatzinfo:
mit Maximilian Brückner, Luise Heyer, Leonard Kunz
Regie:
Sven Taddicken
Länge:
93 Min.
FSK:
ab 16 Jahre
Kinostart:
2. Mai 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Neue Filme | 30.04.2019 | 09:55 Uhr

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