Stand: 22.11.2017 13:00 Uhr

Fatih Akins Geschichte von Trauer und Wut

Aus dem Nichts
, Regie: Fatik Akin
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Das Herz zieht sich zusammen, die Hände verkrampfen sich in den Armlehnen des Kinosessels. Dieser Abschied, man ahnt es, man spürt es, man weiß es, ist ein endgültiger. Als Katja Şekerci am Abend wieder in die belebte Hamburger Straße zurückkehren will, zurück zu ihrem Mann Nuri und ihrem sechsjährigen Sohn Rocco - sieht sie sich Polizeibeamten und einer Absperrung gegenüber.

Fatih Akin feiert Erfolge mit "Aus dem Nichts"

Der Doppelmord erinnert an NSU-Taten

Dort wo das kleine Übersetzungs- und Steuerbüro war, ist nun ein ausgebranntes Loch. Katjas Mann und ihr Sohn sind Opfer eines Bombenanschlags geworden. Diesen Doppelmord am Beginn seines Films "Aus dem Nichts" hat Fatih Akin lose an die Morde des NSU, des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds, angelehnt. So wie in der Wirklichkeit, führen die Fragen des Kommissars auch hier zunächst in die falsche Richtung.

Dieser erste Teil von Fatih Akins Film ist zutiefst erschütternd - und er ist es dank seiner Hauptdarstellerin Diane Kruger. Sie spielt eine Frau, die alles verloren hat, keinen Halt, keinen Boden mehr unter den Füßen hat. Nur mühsam scheint sie noch zu funktionieren, die Stimme vom Schmerz durchzittert, den Blick nach innen gerichtet.

Authentische Hauptdarstellerin

Diane Kruger muss diese Verzweiflung nicht spielen, sie trägt sie in sich, in jeder Geste, in jeder Bewegung. Ihre Katja Şekerci wirkt wie der einsamste Mensch der Welt. Allein gelassen, von der Polizei, von den Medien, von ihrer Mutter, die glaubt, die Tat habe mit der Drogendealer-Vergangenheit des Schwiegersohns zu tun.

Der Prozess ist eine Schwäche im Film

Anders als in der deutschen Wirklichkeit werden im Film rasch die Täter aufgespürt: Neonazis, ein junges Paar. Es kommt zum Prozess. Und dieser Prozess ist leider der schwächste Teil von Akins Film. Hölzern inszeniert, mit klischeehaften Figuren und unglaubwürdigen Wendungen. Angeblich befanden sich die Angeklagten zum Zeitpunkt der Tat in Griechenland im Urlaub, was der Gästebucheintrag eines Hotels beweisen soll. Nur: Wer glaubt noch ernsthaft an die Beweiskraft eines solchen gekrakelten Eintrags - in den Zeiten von Überwachungskameras, Smartphone-Ortung und anderen digitalen Datenspuren?

Doch selbst inmitten des schwach inszenierten Prozesses bleibt Diane Kruger überzeugend. In ihrer fassungslosen Zurückhaltung oder auch bei einem Ausbruch gegen den im Gerichtssaal blasiert auftretenden Neonazi.

Glaubwürdigkeit der Zeugin wird infrage gestellt

Katja Şekerci hat die Neonazi-Frau am Morgen des Anschlags am Tatort gesehen. Doch vor Gericht wird ihre Zeugenschaft demontiert, da in Katjas Wohnung Drogen gefunden wurden, mit denen sie ihren Schmerz zu ersticken versuchte. Durch diesen Handlungstwist kommt sich Fatih Akin selbst ins Gehege: Einerseits will er die Handlung durch die Drogengeschichte aufpeppen, andererseits torpediert er damit seine eigene Anklage gegen das Gericht, die Behörden und einen Staat, der auf dem rechten Auge blind ist.

Den Freispruch der Neonazis führt der Film sozusagen selbst herbei und macht seine Heldin zum Racheengel. Im letzten Teil von "Aus dem Nichts" begibt sich Katja auf die Spuren der Täter, nach Griechenland, an deren Rückzugsort.

Akin beleuchtet auch das Versagen der Behörden

Fatih Akin interessiert sich für das Melodram, für das Leid und den Kampf um Vergeltung. Der NSU-Skandal bleibt für den Regisseur letztlich eine Kulisse, in der die Rolle des Verfassungsschutzes genauso wenig beleuchtet wird wie das jahrelange Versagen aller Behörden. Dadurch bekommt "Aus dem Nichts" eine politische Unschärfe.

Die deutschen Neonazis sind hier nur Beiwerk, Alibi für eine Geschichte von Trauer und Wut. Doch deren Heldin bleibt in Erinnerung: Diane Kruger mit ihrer geradezu antiken Würde, ihrem alles erschütternden, die Leinwand erfüllenden Schmerz.

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Aus dem Nichts

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Diane Kruger, Denis Moschitto, Numan Acar
Regie:
Fatik Akin
Länge:
106 Min.
FSK:
ab 16 Jahre
Kinostart:
23. November 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 23.11.2017 | 07:20 Uhr