Stand: 29.07.2020 06:00 Uhr  - NDR Info

"Auf der Couch in Tunis": Mediterrane Sommerkino-Komödie

Auf der Couch in Tunis
, Regie: Manele Labidi
Vorgestellt von Walli Müller

Einen unschlagbaren Vorteil haben Regisseure und Regisseurinnen mit Migrationshintergrund: Sie können das Komischste aus zwei Welten in ihren Filmen vereinen. Ein schönes Beispiel dafür ist die Komödie der französisch-tunesischen Regisseurin Manele Labidi, die am 30. Juli in die Kinos kommt: "Auf der Couch in Tunis".

Nicht lange her, da wurde die Psychotherapie auch bei uns noch als "Seelenklempnerei" abgetan. In der arabischen Welt hält sich diese Skepsis bis heute. Um so mutiger von Selma, der Hauptfigur in diesem Film, nach dem Psychologie-Studium in Paris in ihre Heimat Tunesien zurückzukehren. Dort macht sie eine Praxis für Psychotherapie auf. Die Couch ist schnell in ihrer Dachgeschoss-Bude aufgestellt. Doch der Onkel, dem das Haus gehört, ist nicht begeistert. 

"Auf der Couch in Tunis": Komödie mit ernsten Zwischentönen

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Selma (Golshifteh Farahani) eröffnet trotz aller Schwierigkeiten auf dem Dach eines Wohnhauses in Tunis eine Psychotherapie-Praxis.

Selma, gespielt von der wild gelockten Golshifteh Farahani, hat den richtigen Riecher: Die Tunesier haben in den Umbruchzeiten, die auf den Arabischen Frühling und die Absetzung von Diktator Ben Ali folgen, einen enormen Redebedarf. Bald stehen sie Schlange vor ihrer Praxis. Während man sich über die Psycho-Ticks diverser Patienten und Patientinnen amüsieren darf, spiegelt "Auf der Couch in Tunis" ganz beiläufig die Situation in Tunesien wider, wo nach der Revolution Chaos und Verunsicherung herrschen.

Manele Labidi zeichnet ein Abbild der tunesischen Gesellschaft

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Naïm (Majd Mastoura) ist nicht der typische Polizist, für den ihn Selma (Golshifteh Farahani) zunächst hält.

Regisseurin und Drehbuchautorin Manele Labidi erlaubt sich freche Spitzen gegen die arrogante Akademikerin aus Frankreich genauso wie gegen die lahme Bürokratie der Tunesier. Eine offizielle Zulassung für ihre Praxis zu bekommen ist ein endloses Geduldspiel für Selma: Ein überkorrekter Polizist beharrt auf der Genehmigung, führt aber gleichzeitig bei Fahrzeugkontrollen Alkoholtests mit bloßer Nase durch.

Farbenfrohes Sommerkino mit kleinen Schrägheiten

Regisseurin Labidi hat Wirtschafts- und Politikwissenschaften studiert, bevor sie das Filmemachen für sich entdeckt hat. Sie findet genau den richtigen Ton, um von dem Land, in dem auch sie ihre Wurzeln hat, auf eine leichte, humorvolle Art zu erzählen - von den Sorgen wie von den kleinen Schrägheiten, von der noch traditionell geprägten älteren Generation wie von der westlich orientierten Jugend, die von Selmas feministischer Nichte Olfa repräsentiert wird.

Das Kopftuch trägt sie nur, um die missglückte neue Frisur zu verstecken. Heiratspläne schmiedet sie mit einem schwulen Freund. Die Figuren sind keine eindimensionalen Abziehbilder, sondern aus dem Leben gegriffen, alle in sich widersprüchlich. Man begibt sich gern mit ihnen auf die "Couch in Tunis". Farbenfroh mediterranes Sommerkino - ausgesprochen lustig.

Auf der Couch in Tunis

Genre:
Komödie
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Tunesien/Frankreich
Zusatzinfo:
mit Golshifteh Farahani, Hichem Yacoubi und Majd Mastoura.
Regie:
Manele Labidi
Länge:
88min
FSK:
ab 12 Jahren
Kinostart:
30. Juli 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 29.07.2020 | 09:55 Uhr

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