Stand: 24.07.2019 16:00 Uhr

Antonio Banderas als Alter Ego einer Regielegende

Leid und Herrlichkeit
, Regie: Pedro Almodóvar
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Es war ein erwarteter Triumph: Beim vergangenen Filmfestival von Cannes gewann der spanische Schauspieler Antonio Banderas den Preis für den besten Darsteller. Zuvor hatte ihn die internationale Kritik bereits begeistert gefeiert und favorisiert - für seine Rolle in Pedro Almodóvars neuem Film "Dolor y Gloria", deutscher Titel: "Leid und Herrlichkeit". Banderas spielt einen Regisseur, der ganz offensichtlich Züge von Almodóvar selbst trägt. 

Das ist der Geist dieses Films: Versöhnung im Angesicht der Vergänglichkeit. In "Leid und Herrlichkeit" versöhnt sich Pedro Almodóvar mit seiner Kindheit, mit sich selbst und vielleicht auch mit dem Kino.

Alters- und Schaffenskrise eines Künstlers

Er bringt sein Alter Ego auf die Leinwand, einen Regisseur namens Salvador Mallo, gespielt von Antonio Banderas. Dieser Filmemacher befindet sich in einer Lebens-, Alters- und Schaffenskrise. Er wird geplagt von Rückenschmerzen und Hustenkrämpfen. Er fragt sich, was das Leben soll, was er in der Welt verloren hat, was bleibt - und besucht einen Schauspieler, mit dem er sich vor Jahren zerstritten hat.

Antonio Banderas: Zerbrechlich wie nie zuvor

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Distanz und Nähe: der schillernde Regisseur (Antonio Banderas) und seine Mutter Jacinta (Julieta Serrano).

In der Rolle von Pedro Almadóvars Alter Ego erlebt man Antonio Banderas so zart, fragil und zerbrechlich, wie er noch nie zuvor auf der Leinwand zu sehen war. Im Modus des Erinnerns verströmt er eine große Melancholie. Einfühlsam spielt er den Regisseur, der vor lauter Schmerzen Experimente mit Heroin betreibt. Mit der Droge gleitet er sanft hinüber in Erinnerungen an seine Kindheit.

Glamourös: Penélope Cruz als die Mutter des Regisseurs

Eine glamourös gefilmte Penélope Cruz spielt die Mutter des Regisseurs in den 50er- und 60er-Jahren. So glamourös wie die Schauspieler und Schauspielerinnen, deren Klebebildchen ihr Sohn in seinem Zimmer in dem ärmlichen Heimatdorf sammelt.

Zu den wohl berührendsten Szenen von "Leid und Herrlichkeit" gehören die zwischen Almodóvar alias Banderas und seiner Mutter in den letzten Lebensjahren. Die alte Dame wird gespielt von der Schauspielerin Julieta Serrano. Aus diesen Szenen spricht eine große Distanz - zwischen der aus bäuerlichen Verhältnissen stammenden Mutter und dem homosexuellen Sohn, der im Madrid der 80er-Jahre die Freiheit nach der Franco-Diktatur auslebt. Aber es gibt auch eine große Verbundenheit und gegenseitige Fürsorge.

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Flashbacks gelebter wie fiktiver Erinnerungen

Immer wieder nutzt Almodóvar die Rauschzustände des Regisseurs, seine somnambulen Erinnerungen unter der Wirkung des Heroins, um auf elegante Weise und mit satten Farben Orte, Zeiten, Personen zu verbinden, bis hin zu einer Begegnung des Regisseurs mit seiner einstigen großen Liebe Federico.

Es ist eine Szene, in der das Wort Herzlichkeit zu seiner eigentlichen Bedeutung findet. Man spricht über die alten Gefühle, über das, was inzwischen geschah. Gemeinsam blicken die beiden Männer auf ihre tumultuöse Beziehung und ihr Leben zurück, und beim Abschied kommt es an der Tür zu einem heftigen Kuss. Zufrieden stellen Salvador und Federico fest, dass sie offenbar immer noch attraktiv genug sind, um beim jeweils anderen eine Erektion auszulösen.

Lebendiger Film voller leiser Ironie

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Ein Almodóvar-Film wäre kein Almodóvar-Film ohne die satten Farben und die poppig-elegante Ausstattung - und ohne eine klug verwobene, mit vielen Erzählebenen spielende Handlung. Die Beziehung taucht wieder auf in einer Theateraufführung, in der ein Stück von Salvador Mallo aufgeführt wird. Als Monolog, der eben auch die frühe, wilde, verrückte Zeit in Madrid erzählt. "Leid und Herrlichkeit" ist ein Alterswerk, weil es von einem gelebten Leben erzählt. Von der Sehnsucht, mit alten Geschichten ins Reine zu kommen. Aber es ist auch ein junger Film, ungemein lebendig in seiner Erzählweise, voller leiser Ironie und getragen von einer unbändigen Lust am Leben.

Leid und Herrlichkeit

Genre:
Biografie
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Spanien
Zusatzinfo:
mit Antonio Banderas, Asier Etxeandia, Penélope Cruz, Leonardo Sbaraglia
Regie:
Pedro Almodóvar
Länge:
112 Min.
FSK:
ab 6 Jahren
Kinostart:
25. Juli 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kultur | 25.07.2019 | 07:20 Uhr

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