Stand: 19.06.2019 15:50 Uhr

"Happy Lamento": Alexander Kluges erhellender Film

Happy Lamento
, Regie: Alexander Kluge, Khavn De La Cruz
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Zwanzig Jahre lang lief kein Film mehr von Alexander Kluge im Kino. 50 Jahre ist es her, dass Kluge für "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" den Goldenen Löwen in Venedig bekam. An diesen Film schließt "Happy Lamento" jetzt an - und wieder folgt er den eigenen Regeln. Auf seine einmalige Art unterläuft der 87-Jährige die eingefahrenen Pfade und Formen des Geschichtenerzählens.

Ein Filmemacher muss schon ein sehr entspanntes Verhältnis zu Metaphern haben, wenn er zu Beginn seines neuen Werkes eine Glühbirne zeigt, die plötzlich erstrahlt. Tatsächlich ist "Happy Lamento" von Alexander Kluge ein erhellendes Werk.

Was wird hier nicht alles auf kühne Weise kombiniert: Dokumentarisches Material des G20-Gipfels in Hamburg, Donald und Melania Trump, die einen endlosen Augenblick lang die Gangway der Airforce One hinunterkommen und Hände schütteln - und dann wieder könnte man ausrufen: "Manege frei!"

Mischung aus historischen und aktuellen Aufnahmen

Zum entspannten Groove von Ella Fitzgerald sehen wir historische und aktuelle Aufnahmen von Zirkus-Elefanten und Trapezkünstlern. Dazu zeitgleich ablaufend im dreigeteilten Bild historische Stiche und Fotografien, die die Entwicklung der Elektrizität nachzeichnen.

Alte und vertraute Weggefährten von Alexander Kluge tauchen auf in diesem Film, der im Übrigen voller bizarrer und vor allem komischer Momente ist. Wir sehen Helge Schneider, der mit einer Lichterkette ringt. Oder auch den vor zwei Jahren verstorbenen Produzenten und Autor Peter Berling. In der Uniform eines sowjetischen Militärs gibt er gegenüber Alexander Kluge todernst Auskunft zu der Frage, ob sich Zootiere eigentlich für den Kampf gegen die Faschisten eignen könnten.

Noch ein alter Weggefährte: Heiner Müller. In einer berührenden Sequenz aus dem Jahr 1995 wirkt der verstorbene ostdeutsche Dramatiker nachdenklich, fragil, melancholisch. Alexander Kluge befragt Müller zu seinem Verhältnis zum Mond.

Unterschiedlichste Szenen setzen sich zu einer Erzählung zusammen

Diese Szenen sind Ausdruck und Umsetzung von Alexander Kluges Philosophie der Verknüpfung und der Vielstimmigkeit. Aus seinen in der Montage Funken schlagenden Ausschnitten können wir uns mehrere Erzählungen zusammensetzen: die Geschichte der Elektrizität als Sinnbild für einen Fortschrittsglauben, der sich schon früh gegen die Natur gerichtet hat, das Leitmotiv des Mondes und der Zirkus - die Manege, die Clowns als Inbegriff des großen absurden Zivilisationstheaters.

In "Happy Lamento" gibt es auch Szenen aus einer Welt, die auf den ersten Blick so gar nichts mit dem bisherigen Alexander-Kluge-Kosmos zu tun hat. Es sind eingestreute Ausschnitte aus dem philippinischen Film "The Very Brief Life Of An Ember" - "Das kurze Leben eines Funkens". Der radikale philippinischen Poet und Regisseur Khavn De La Cruz hat dieses wilde Werk vor drei Jahren mit kindlichen Laiendarstellern in einem Slum von Manila gedreht. Es kreist um eine exzessiv brutale Gang aus Kindern und Jugendlichen - philippinisches Guerilla-Kino.

Düstere Visionen von Gewalt und Verwahrlosung

Man sieht Schießereien mit der Polizei, einen Überfall auf einen Supermarkt, immer neue Gewalt-Exzesse; dann Aufnahmen von Grabtafeln. Die darauf zu sehenden Sterbedaten liegen allesamt in der Zukunft. Ist diese düstere Vision von Gewalt, Schrecken und Verwahrlosung das, worauf alles hinausläuft? Das scheint Alexander Kluge uns und sich zu fragen.  

Letztlich gibt er die Antwort mit seinem Film. Kluges Utopie ist eben jene Mischung aus Vielstimmigkeit und Neugier auf den anderen und die andere. Im polyphonen Miteinander der Bilder, Eindrücke, poetischen und aufklärerischen Entwürfe liegt seine Vision der Zukunft. Und wir? Lassen uns zumindest für die Dauer dieses wahrhaft einzigartigen Films darauf ein.

Es muss schon ein Alexander Kluge kommen, um diese Szene zu entdecken: Ein junger Mann erbringt seine ganz eigene Hommage an den Mond. Hingebungsvoll und weltverloren hinter seiner schwarzen Sonnenbrille singt er irgendwo in Japan "Blue Moon" zur E-Gitarre in seiner Badewanne. Im musikalischen Dialog mit Alexander Kluge - und mit uns, den staunenden, verwunderten und beglückten Zuschauern und Zuschauerinnen.

Happy Lamento

Genre:
Experimentalfilm
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Helge Schneider, Heiner Müller, Peter Berling
Regie:
Alexander Kluge, Khavn De La Cruz
Länge:
90 Min.
FSK:
ab 16 Jahre
Kinostart:
20. Juni 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 20.06.2019 | 07:20 Uhr

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