Stand: 29.11.2017 16:00 Uhr

Aids-Drama: "120 Beats per Minute"

120 Beats per Minute
, Regie: Robin Campillo
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Auf den vergangenen Filmfestspielen von Cannes gewann der Film "120 Beats per Minute" von dem Franzosen Robin Campillo den Großen Preis der Jury. Thema: der Beginn der französischen Anti-Aids-Bewegung. Der Jury-Präsident von Cannes, der spanische Regisseur Pedro Almodóvar, ließ durchblicken, dass er dem Film am liebsten den Hauptpreis - die Goldene Palme - verliehen hätte.

Antoine Reinartz als Thibault mit Arnaud Valois als Nathan - Szene aus "120 Beats per Minute" © Salzgeber

Filmtrailer: "120 Beats per Minute"

"120 Beats per Minute" ist kein rundum gelungener Film - aber doch ein politisches, soziales und gesellschaftliches Zeitbild vom Beginn der 90er-Jahre und dem Kampf gegen Aids.

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Musik gibt diesem Film immer wieder seinen Rhythmus: 120 Herzschläge pro Minute hat ein neugeborenes Baby, 120 Beats pro Minute hat moderne Tanzmusik. So wie der Song "Smalltown Boy" von Bronski Beat, zu dem sich die jungen Menschen der homosexuellen Community im Paris zu Beginn der 90er-Jahre bewegen.

Aktionen gegen Pharma-Unternehmen

120 Schläge - in diesem Titel findet sich schon das Thema dieses Films: Leben und Tod. Thibault, Sophie, Sean, Nathan heißen die Helden. Sie alle sind auf die eine oder andere Weise von der Krankheit Aids betroffen. Sie kämpfen, um die Seuche ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, der Politik zu rücken - zum Beispiel mit provozierenden, kühnen Aktionen.

Robin Campillos Film "120 Beats per Minute" beginnt mit einer Aktion gegen den Pharma-Riesen Melton Pharm. Die Aktivisten dringen in die Büros der Zentrale ein. Farbbeutel mit Kunstblut zerplatzen an Glasscheiben, Flipboards, auf Bürotischen und an Computerbildschirmen. Es geht darum, die Firma unter Druck zu setzen, weil sie wirksame Medikamente gegen das HIV-Virus zurück hält. Aus kommerziellen, aus marktstrategischen Gründen.

Eine französische Anti-Aids-Bewegung entsteht

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Nathan (Arnaud Valois) nimmt mit Eva und Sophie an Aktionen teil, um die Gesellschaft für das Problem Aids zu sensibilisieren.

Im ersten Drittel konzentriert sich der Film auf diese Aktionen und ihre wöchentliche Vorbereitung - abends in einem Klassenraum. Vorbild der Pariser Gruppe ist die Ende der 80er-Jahre in den USA entstandene Anti-Aids-Bewegung Act Up. Die langen Diskussionen über Protestformen, Plakate, Vorgehensweisen sind teilweise ermüdend. Und dann wieder berührend, wenn die Gemeinschaft gemeinsam nach einem Slogan sucht. Das Ergebnis: "Ich bin Aids, du bist Aids, wir sind Aids."

Der deutsche Verleih bringt "120 Beats per Minute" im originalen Französisch mit Untertiteln in die Kinos. Das ist ein Glück, weil sich hier ein Lebensgefühl in den Tonlagen, Verläufen und Nuancen der Diskussionen ausdrückt.

Streitereien und Richtungskämpfe

Im zweiten Drittel des Films geht es um die Streitereien und Richtungskämpfe innerhalb der Gruppe. Wie weit kann man gehen, um die französische Regierung unter François Mitterrand aus ihrer Ignoranz zu rütteln? Diese Regierung, die an Aids erkrankte Homosexuelle genauso allein lässt wie Bluter, die zu Tausenden durch verseuchte Blutkonserven angesteckt wurden.

Ist es richtig, einen Pharma-Manager auf einem Kongress mit Handschellen zu fesseln und zu demütigen? Wie aggressiv sollten die Aktionen überhaupt sein? In manchen Momenten droht die Gemeinschaft der Aktivisten an diesen Fragen und Konflikten zu zerbrechen. Es sind die Demonstrationen, die sie wieder zusammenschweißen - die ihnen die existenzielle Bedeutung des Kampfes verdeutlichen.

Liebesgeschichte in drei Akten

Im letzten Drittel erzählt der Film die ergreifende Liebesgeschichte von Sean und Nathan, die sich in der Aktivistengruppe kennengelernt haben. Plötzlich fragt man sich, weshalb Campillos Film diese Struktur der drei Akte überhaupt braucht, weshalb er nicht früher das politische Engagement der Figuren verbindet mit ihren privaten Erlebnissen, Krisen, Sehnsüchten.

So ist "120 Beats per Minute" kein rundum gelungener Film - aber doch ein politisches, soziales, gesellschaftliches Zeitbild vom Beginn der 90er-Jahre. Letztlich betreibt er selbst Aktivismus, indem er den Schmerz, die Wut, die Trauer und den Kampf dieser Jahre wieder aufleben lässt.

120 Beats per Minute

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Frankreich
Zusatzinfo:
mit Nahuel Perez Biscayart, Arnaud Valois, Adèle Haenel
Regie:
Robin Campillo
Länge:
143 Min.
FSK:
FSK ab 16 Jahre
Kinostart:
30. November 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 30.11.2017 | 07:20 Uhr

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