Die "Ballas" - eine Zimmermannsbrigade auf der DDR-Großbaustelle Schkona - gehen für ihren Chef durch dick und dünn, mitunter auch auf unerlaubten Pfaden. Gemeinsam stellen sie die sozialistische Planwirtschaft auf den Kopf. © NDR/MDR/BR

75 Jahre DEFA - Eine Geschichte voller Brüche

Stand: 07.05.2021 09:00 Uhr

Die Deutsche Film AG wurde am 17. Mai 1946 vor 75 Jahren in Potsdam-Babelsberg gegründet. Ein Blick zurück auf Persönlichkeiten und Produktionen der rund 730 Spielfilme. Teil 1: Die Gründungsgeschichte.

von Axel Seitz

Die DEFA war auch über die Grenzen der DDR hinaus ein international angesehenes Filmunternehmen. Zahlreiche Filme gehören unbestritten nach wie vor zum künstlerisch Besten, was deutsche Filmemacher in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts produziert haben. Zu den internationalen Erfolgen zählen etwa eine Oscar-Nominierung für "Jakob der Lügner", Preise bei den Filmfestspielen in Cannes, Venedig und in West-Berlin. Bei der Berlinale gewannen beispielsweise Renate Krößner und Katrin Sass jeweils den Silberner Bären als beste Darstellerin.

Erster DEFA-Film "Die Mörder sind unter uns" mit Hildegard Knef

"Die Mörder sind unter uns": Wolfgang Staudte begann mit den Dreharbeiten zu seinem Film bereits rund zwei Monate vor der eigentlichen Gründung der DEFA.

"Die Mörder sind unter uns" hatte im Oktober 1946 Premiere - der erste DEFA-Film war zugleich auch der erste deutsche Nachkriegsfilm. In den folgenden mehr als vier Jahrzehnten kamen tausende Dokumentar-, Animations- und Kurzfilme hinzu.

Ja was denn, da war doch Krieg. Da waren doch ganz andere Verhältnisse. Was habe ich den heute damit zu tun? Jetzt ist doch Frieden, wir haben Weihnachten, Friedensweihnachten. Dialog aus "Die Mörder sind unter uns"

Rund 730 Spielfilme seit 1946

Vor allem aber bleibt die DEFA mit ihren rund 730 Spielfilmen in Erinnerung. "Die DEFA ist vor allem Filmkulturerbe. Das bedeutet, man kann sich mit Hilfe der DEFA mit Filmen auseinandersetzen, die in einer gewissen Zeit, in einer gewissen Epoche entstanden sind. Und es ist letztlich auch die große Frage, warum beschäftigt man sich mit Kulturerbe", sagt Stefanie Eckert. Als Vorstand leitet sie die DEFA-Stiftung, die sich um den Erhalt und die Verbreitung der Filme kümmert - von den beliebten Märchen- sowie den Indianerfilmen mit Gojko Mitić bis hin zu propagandistischen Auftragsproduktionen.

Diese entstanden zunächst noch in der sowjetischen Besatzungszone, später dann in der DDR, produziert von einem Staatsbetrieb: "Die DEFA wurde alimentiert, und zwar zu 100 Prozent alimentiert vom Staat", erklärt der Filmhistoriker Ralf Schenk. Das Spielfilmstudio habe gewusst, es bekomme jedes Jahr vom Staat 30 Millionen DDR-Mark überwiesen und für diese 30 Millionen habe man Filme zu machen, die abgeliefert werden mussten an die Kinos, so Schenk: "In diesen Filmen hatte oft das stattzufinden, was der Staat eben auch wollte, auch ideologisch wollte. Allerdings, diese Trennung, die heute oft beschworen wurde, zwischen Künstlern auf der einen Seite und Politikern auf der anderen Seite, die guten Künstler und die bösen Politiker in der DDR: Die stimmt so nicht. Es gab auf beiden Seiten immer wieder Menschen, die etwas wollten und etwas versucht haben und etwas aufbrechen wollten, auch unter den Politikern", erzählt Schenk.

 Eine Geschichte voller Brüche

Die Geschichte der DEFA ist eine Geschichte voller Brüche, betont Stefanie Eckert: "Gerade in den 1960er-Jahren hat man ein großes Aufatmen durchaus bei den Filmemachern gespürt, als die Mauer gebaut war. Weil es dann hieß, man können in der Kunst frei sein und Geschichten so erzählen, wie man sie vorfindet. Das große Erschrecken war Ende 1965, als mit einem Schlag fast eine ganze Jahresproduktion verboten wurde. Weil klar war, man durfte doch nicht erzählen, was man möchte."

 

Filmspulen (Montage)  Foto: jaddingt/Michelle Robek
AUDIO: ARD-Sammel Teil 1 - 2021 - 75 Jahre DEFA - Die Geschichte der DEFA (4 Min)

"Karla" - einer von mehr als 20 Verbotsfilmen

Jutta Hoffman im DEFA-Spielfilm "Karla" im Klassenzimmer © DEFA-Stiftung / Eberhard Daßdorf
Das Drama "Karla" von Hermann Zschoche mit Jutta Hoffmann handelt von einer Pädagogin, die ihre Schüler zu kritischen Menschen erziehen will - und in die Schranken verwiesen wird.

Zu diesen verbotenen Filmen gehört unter anderem "Karla" von Hermann Zschoche. Im Mittelpunkt steht eine junge, selbstbewusste Lehrerin, die sich am sozialistischen Bildungswesen reibt. Die Rolle der Karla spielte damals Jutta Hoffmann. Mehr als 20 solcher Verbotsfilme gab es, der Großteil von ihnen wurde erst nach 1989 erstmals gezeigt.

Zwar endet die Geschichte der Deutschen Film AG in Potsdam-Babelsberg 1992, doch mit ihren zahlreichen Produktionen wird die DEFA heute vor allem im Ausland fast schon als eigenen Filmströmung wahrgenommen, erzählt Stefanie Eckert von der DEFA-Stiftung. "Es gibt in Massachusetts in den USA, die DEFA-Film-Library. Sie ist angesiedelt an einer Universität, wo eben der DEFA-Film genutzt wird auch, um DDR zu erklären, um Subkultur zu vermitteln. Dann gibt es aber auch in Japan eine gewisse DEFA-Fankultur, wo wir auch schon mehrere Retrospektiven hatten. Aber vor allem auch im europäischen Raum. Italien ist da ein großer Abnehmer und dankbar, die haben eben auch ihre eigene Geschichte. Und zwar einerseits eine faschistische und andererseits eine kommunistische und können dadurch auf eine andere Art und Weise kommunizieren."

Angelica Domröse und Winfried Glatzeder liegen in einem Bett in einer Szene des DEFA-Filmes "Die Legende von Paul und Paula" © rbb/Progress Film-Verleih/Norbert Kuhröber
"Die Legende von Paul und Paula" läuft am 15. Mai 2021 im RBB ab 22 Uhr.

Ob "Die Mörder sind unter uns", "Die Geschichte vom kleinen Muck", "Nackt unter Wölfen", "Spur der Steine", "Die Legende von Paul und Paula" oder "Solo Sunny": Zwar war die DEFA zuallererst ein staatlich gelenkter Betrieb in der DDR. Zahlreiche Filme gehören aber unbestritten nach wie vor zum künstlerisch Besten, was in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutsche Filmemacher produziert haben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Kunstkaten | 16.05.2021 | 19:00 Uhr

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