Stand: 15.01.2020 15:11 Uhr  - NDR 90,3

68er-Bewegung in Hamburg: Studenten erinnern mit Doku

von Danny Marques Marcalo

"Unter den Talaren der Muff von 1.000 Jahren" - dieser Spruch, den Studenten der Universität Hamburg 1967 auf einem Banner im Audimax das erste Mal zeigten, ist unvergessen. Der Campus im Grindelviertel war damals einer der zentralen Orte der deutschen Studentenbewegung. Dass diese Bewegung bis heute nachwirkt, haben nun aktuelle Studierende gezeigt: Sie haben einen Dokumentarfilm über die 68er-Bewegung an der Uni Hamburg gedreht und nun in einem Hörsaal vorgestellt.

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Die Jura-Studenten Detlev Albers (l.) und Gert Hinnerk Behlmer tragen das Spruchband.

Einen kurzen Moment könnte man denken, dass die 60er-Jahre wieder auferstanden sind: Aus den Lautsprechern dröhnt Musik von Jimi Hendrix. An der Wand eine Nachbildung des berühmten Banners von den Talaren und dem Muff. Der Anna-Siemsen-Hörsaal der Universität Hamburg ist brechend voll. Viele finden keinen Platz und müssen auf den Gängen sitzen oder an der Wand stehen. Das Interesse an diesem Studienprojekt ist riesig.

"Das Oberthema war die Universität in gesellschaftlicher Verantwortung", erzählt Inti Buckenmeyer, eine von 30 Studierenden an der Fakultät Erziehungswissenschaften, die an diesem Film mitgearbeitet haben. Die Studierenden näherten sich der Frage, wie bei den 68ern eine Politisierung stattgefunden hat. "Wir haben angefangen zu recherchieren und haben Personen gefunden, die in der damaligen Zeit aktiv waren. Dann kam das eine zum anderen", sagt Buckenmeyer.

68er-Bewegung: Verspätete Aufarbeitung des Nationalsozialismus

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Das Interesse an der Dokumentation an der Uni Hamburg ist riesig. Der Anna-Siemsen-Hörsaal der Universität ist bei der Präsentation prall gefüllt.

Das Projekt begann vor anderthalb Jahren, gleich im ersten Semester. Für ihren Film haben die Teilnehmer eine Reihe spannender Zeitzeugen gewinnen können. Zum Beispiel Peter Fischer-Appelt, der mit den Stimmen der Studentenbewegung Anfang der 70er-Jahre Präsident der Uni Hamburg wurde. "'Unter den Talaren der Muff von 1.000 Jahren' - auch wenn das damals nicht so gemeint war, ist doch der tiefere Sinn die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, den die Uni Hamburg und alle anderen bis dahin nicht geleistet hatten", erzählt Fischer-Appelt.

Drei Semester lang haben die Studentinnen und Studenten Quellen durchforstet, Interviews geführt und in Diskussionsrunden darüber debattiert, wie ihr Film aussehen soll. Unterstützt wurden sie bei der Umsetzung von der Hamburger Filmemacherin Skrollan Alwert. "Erfahrung hatte vorher von uns tatsächlich niemand", erzählt Inti Buckenmeyer. "Gut war, dass wir an der Fakultät Erziehungswissenschaften ein Medienzentrum haben." Dort bekamen sie Kameras und Tongeräte. "Es ist dann immer besser geworden", sagt Buckenmeyer. "Jeder war an allem beteiligt."

Wie der Tod von Benno Ohnesorg eine Generation politisierte

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Der Tod von Benno Ohnesorg verstärkte den Zustrom für die Deutsche Studentenbewegung massiv.

95 Minuten ist die Dokumentation lang geworden. Sie erzählt vor allem vom sozialistischen deutschen Studentenbund SDS und seiner Rolle, von den Hamburger Protesten gegen den Besuch des persischen Schahs, dem Sturz der Statue des Kolonialisten Wissmann und natürlich dem Tod des Berliner Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967. Aktivist Thomas Thielemann erinnert sich, wie dieser damals die Studierenden politisierte: "Nach dem 2. Juni explodierte die Mitgliederzahl, wir waren dann über 100 Leute und man verlor auch so ein bisschen den Überblick."

Der Film zeugt vom Interesse der jüngeren Generation an der älteren. Studentin Johanna Hintze ist vieles klar geworden durch die Arbeit an diesem Projekt: "Ich habe angefangen, mich mehr mit der Uni auseinanderzusetzen, nicht alles hinzunehmen und mich einzubringen - etwas zu ändern, wo ich was ändern kann."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 15.01.2020 | 19:00 Uhr

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