Nick Tschiller (Til Schweiger) schwerbewaffnet im Speicher. © NDR/Marion von der Mehden

50 Jahre Tatort: Wie realistisch ist die Krimireihe?

Stand: 25.11.2020 13:13 Uhr

Unzählige Explosionen, Verfolgungsjagden, Schießereien und vieles mehr hat es in 50 Jahren Tatort gegeben. Wie realistisch wird Polizeiarbeit in der ARD-Krimireihe eigentlich dargestellt?

von Danny Marques Marcalo

Nick Tschiller, gespielt von Til Schweiger, läuft durchs Treppenhaus. Ein Rollstuhlfahrer lugt aus seiner Wohnung. Tschiller schimpft ihn weg und dann taucht ein Gangster auf. "Weg, hau ab, mach die Tür zu!" Der Gangster kommt rein, ballert los, und Tschiller ballert zurück.

Im Gegensatz zu Nick Tschiller ist Knuth Cornils ein echter Polizist und seit fast 40 Jahren in Uniform. Wie viele Schießereien hat er im Dienst erlebt? "Gott sei Dank keine einzige", sagt er. "Schusswaffengebrauch kommt wirklich selten vor. Aber nur zum Eigenschutz, zur Nothilfe oder Notwehr. Ich habe schon einige Kollegen mitbekommen, dass sie einen Schusswaffengebrauch hatten." Solche Erlebnisse zu verarbeiten, ist im echten Leben nicht einfach.

Verfolgungsjagd in der Stadt: Schwieriger als dargestellt

Was tatsächlich öfter vorkommen kann, sind Verfolgungsjagden. In der Großstadt ist das allerdings nicht so einfach, wie das im Tatort gerne mal gezeigt wird. Knuth Cornils erzählt, dass diese nicht ungefährlich seien. Zwar dürften Polizisten mit Blaulicht von der Straßenverkehrsordnung abweichen. "Wir müssen aber so fahren, dass wir keine anderen gefährden, uns nicht gefährden. In einer Großstadt wie Hamburg mit Sonderrechten zu fahren, ist wesentlich schwieriger, als in Niedersachsen in einem kleinen Ort von A nach B."

"Wir ziehen die Typen aus dem Verkehr." "Mit welcher Handhabe?" "Du schnappst dir den Kaiser und fertig." "Ich?" "Natürlich du, so kommst du gleich an seine Software ran. Ich kann damit nichts anfangen." "Alles ohne Staatsanwalt? Ohne Durchsuchungsbefehl?" "Mit Durchsuchungsbefehl kann das jeder." Dialog aus "Lockvögel" (1996)

Was Stoever (Manfred Krug) und Brockmöller (Charles Brauer) hier diskutieren, ist eigentlich ein Rechtsbruch. Einfach Sachen mitnehmen darf die Polizei nicht. Überhaupt: Einen Durchsuchungsbefehl gibt es gar nicht, "sondern das ist ein Durchsuchungsbeschluss", betont Cornils. Und auch ganz wichtig: Die Polizei verhört auch niemanden. "Es ist eine Vernehmung. Verhöre gab es früher mal in dunkleren Zeiten, die wir Gottseidank nicht mehr haben."

Den einsamen Kommissar gibt es nur im Tatort

Mehmet Kurtulus als Tatort-Kommissar Cenk Batu schaut in die Kamera © NDR/Hannes Hubach
Mehmet Kurtulus ermittelte als Cenk Batu verdeckt.

Was aber stimmt: Polizisten sind fast immer zu zweit. Den einsamen Wolf, den gibt es nur im Fernsehen. Zu zweit ist man zur eigenen Sicherheit, aber auch, um sich in rechtlichen Fragen abzusichern. Wobei man da zur Not immer noch über Funk nachfragen kann.

Alleine im Undercover-Dienst, so wie Cenk Batu, der von 2008 bis 2011 Hamburger Tatort Kommissar war - gibt es das im wahren Polizisten-Leben? Das will Knuth Cornils nicht wirklich verraten. "Einsatztaktiken werde ich auch nie bei den Dreharbeiten nennen. Das muss auch so bleiben, um die Erfolge der Polizei aufrechtzuerhalten."

Wecken Sie mich um 5 Uhr! Aber pünktlich, haben Sie verstanden? Zitat aus "Taxi nach Leipzig" (1970)

Das sagte Hamburgs erster Tatort-Kommissar Trimmel gleich in der allerersten Tatort Folge, "Taxi nach Leipzig". Doch sind Ermittler wirklich Tag und Nacht im Einsatz? "Besonders bei der Bereitschaftspolizei, aber auch bei der Kripo gibt es natürlich Überstunden", sagt Cornils. "Es wird aber schon darauf geachtet, dass jeder zu seinem Schlaf kommt. Zwischen zwei Diensten müssen acht Stunden vergehen." Ausnahmen sind aktuelle Fahndungen.

Und sonntags wird Tatort geguckt

Sonntags um 20.15 Uhr sitzen viele Hamburger Polizisten vor dem Fernseher, schätzt Knuth Cornils. "Ich würde behaupten, fast alle, die nicht gerade im Dienst sind. Meine Meinung ist, der Tatort wird immer sozialer, jeder Polizist hat da soziale Probleme mit dem Kind oder dem Partner."

An dem Punkt dürfte der Tatort zu 100 Prozent der Realität entsprechen.

Weitere Informationen
In der Zeitung ist ein polemischer Artikel über Brockmöller (Charles Brauer, links) erschienen; es geht um seine Beziehung zu einer angeblich von Harry Mucher erschossenen Polizistin, mit der Brockmöller befreundet war. Zusammen mit Stoever (Manfred Krug, rechts) fragt der verärgerte Brockmöller sich, woher die Presse so detaillierte Informationen hat, ohne je mit ihm gesprochen zu haben? © NDR/Studio Hamburg

Tatort-Jubiläum: Mord ist bei Stoever und Brockmöller Nebensache

Die Schauspieler Manfred Krug und Charles Brauer waren im Film Partner und Freunde - die Freundschaft hielt auch danach. mehr

Kommissar Borowski (Axel Milberg) und  Sarah Brandt (Sebil Kekilli) in  der Tatort-Folge "Borowski und das Meer" © NDR Christine Schroeder Foto: Christine Schroeder

50 Jahre Tatort - NDR Special über die TV-Serie

Vor 50 Jahren wurde "Taxi nach Leipzig" ausgestrahlt - der erste Tatort. Hintergründe, Aktuelles und ein Quiz rund um die Kultserie. mehr

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) © NDR/Christine Schröder

50 Jahre Tatort: Das letzte Lagerfeuer der Nation?

Warum ist der Tatort nach fünf Jahrzehnten noch so ein Hit? Antworten von Fans und von einer Hamburger Medienforscherin. mehr

Aus der Fassung gebracht von den bohrenden Fragen des Hauptkommissars Trimmel (Walter Richter, rechts), greift Erich Landsberger (Paul Albert Krumm) zur Pistole. © NDR/Scharlau

50 Jahre Tatort: Die erste Folge kam aus Hamburg

Am 29. November kam die erste Folge "Taxi nach Leipzig" mit Kommissar Trimmel. Wie viel Hamburg steckt in der Kultserie? mehr

Zwei blaue Augen blicken nach vorn. © Repro: WDR

Mit dem "Taxi nach Leipzig"

29. November 1970: Das "Taxi nach Leipzig" vom NDR ist die erste Folge der neuen Krimireihe "Tatort" im Ersten. Ein Experiment entwickelte sich zur Kult-Sendung. mehr

Ina Meineke (Cilla Karni) muss sich in der Tatort-Folge "Das stille Geschäft" von Major Delius (Horst Bollmann, links) vom Militärischen Abschirmdienst und Kripo-Kommissar Brammer (Knut Hinz, Mitte) unangenehme Fragen stellen lassen. © NDR

Tatort: Die Ermittler des Nordens

Mehr als 20 Tatort-Kommissare schickte der NDR in den vergangenen 50 Jahren in den Einsatz. Den Auftakt machte 1970 Walter Richter. Zuletzt sorgte Til Schweiger für viel Aufsehen. Bildergalerie

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 26.11.2020 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

Der Autor Johann Scheerer © © Stefan Schmid / Piper Verlag Foto: Stefan Schmid

Gewinnen Sie das NDR Buch des Monats Januar!

"Unheimlich nah" von Johann Scheerer ist das NDR Buch des Monats Januar. Lösen Sie das Quiz und gewinnen Sie ein Exemplar! Quiz

Cover des Bildbandes "Giorgio de Chirico. Magische Wirklichkeit" © Hirmer Verlag/Kunsthalle Hamburg

Bildband: "Giorgio de Chirico. Magische Wirklichkeit"

"Giorgio de Chirico: Magische Wirklichkeit" heißt die Ausstellung, die in der Hamburger Kunsthalle gezeigt werden soll. mehr

Schauspieler Bjarne Mädel © Jürgen Bauer Foto: Jürgen Bauer

Bjarne Mädel zu Gast bei DAS!

Der Schauspieler spricht über das Regiedebüt mit seinem NDR Film "Sörensen macht Angst", der am 20. Januar im Ersten ausgestrahlt wird. mehr

Eine Frau hält ein Buch vor ihrem Körper © photocase.de Foto: Tatyana Aksenova

Buchtipps: Spannende Leseabenteuer für Jugendliche

Drei neue Jugendbücher über Zivilcourage, den Weg zurück ins Leben und Unruhen zwischen Menschen und Elben. mehr