50 Jahre Tatort: Das letzte Lagerfeuer der Nation?

Stand: 01.12.2020 13:52 Uhr

Oft wird über den Tatort gesagt, er sei das letzte große Lagerfeuer unserer Gesellschaft. Am 29. November ist die ARD-Erfolgsserie 50 Jahre alt geworden. Wieso ist sie so beliebt?

von Danny Marques Marcalo

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Hat Professor Boerne (Jan Josef Liefers) wirklich einen falschen Totenschein ausgestellt? © © WDR/Willi Weber
Sehr beliebt ist der Tatort aus Münster mit Professor Boerne (Jan Josef Liefers) - hier mit unkorrekten Totenscheinen in der Folge "Herrenabend".

Nicht alle sind treue Fans der Serie. So erzählen Passanten in einer Fußgängerzone in Hamburg Niendorf: "Ich guck' kein Tatort" und "Ich habe früher mal reingeguckt, aber ist nicht so mein Ding." Diese Menschen sitzen am Sonntagabend um 20.15 Uhr also nicht vor dem Fernseher und schauen den Tatort. Sie sind aber in der Minderheit. Andere berichten, sie würden regelmäßig die Serie verfolgen: "Weil ich es spannend finde", so ein Passant. Ein anderer lässt keine Folge aus: "Jeden Sonntag. Das ist Kult. Mit Chips und Cola. Da darf keiner an die Fernbedienung."

Hohe Einschaltquoten für die sonntägliche Kultserie Tatort

Einer Studie zufolge haben 53 Prozent aller Hamburger im Jahr 2019 einen Tatort in voller Länge gesehen. Damit sind sie unter dem Durchschnitt, denn im ganzen Land haben 59 Prozent einen Tatort gesehen. Gleich 64 Prozent Einschaltquote sind es in Brandenburg - der Spitzenwert.

Medienprofessorin Joan Bleicher forscht an der Uni Hamburg zum Thema Fernsehen: "Der Tatort ist schon ein Lagerfeuer Aber ich würde niemals vom letzten gemeinsamen Lagerfeuer sprechen. Es gibt noch so manches, das im Fernsehen leuchtet, wie etwa das 'Dschungelcamp'."

Parallel zur Tatort-Sendezeit auf Twitter kommentieren

Sie sagt, dass es zwar schon hier und da langjährige Sendungen gäbe, das "Wort zum Sonntag" zum Beispiel, aber den Tatort findet auch sie bemerkenswert. Ein Grund für den Erfolg: Tatort-Schauen gehört einfach dazu. "Er lebt natürlich davon, dass er ein Ritual bildet. Sonntags, 20:15 Uhr, beginnt die Tatort-Zeit. Man schaut gemeinsam. Man schaut zunehmend auch via Twitter. Man kommentiert zeitgleich das Geschehen", sagt Bleicher.

Lars Eidinger (r.) und Axel Milberg (l.) © NDR/ARD Degeto/Thorsten Jander Foto: Thorsten Jander
In der Tatort-Geschichte hat er als Mörder Kai Korthals einen festen Platz: "Der stille Gast" (Lars Eidinger, r.). Er fordert Kommissar Borowski (Axel Milberg, l.) bald zum 3. Mal heraus.

Gemeinsam schauen, das machen auch die Menschen auf dem Tibarg. Eine sagt: Sie schaue mit ihrer Mutter. Andere berichten "wir haben eine Whatsapp-Gruppe. Wir schauen wöchentlich und versuchen, als erster den Täter zu ermitteln." Noch eine ergänzt: "Das ist für mich ein Teil der deutschen Kultur und Geschichte."

Dieser Frau würde auch Forscherin Joan Bleicher wohl zustimmen. In fünf Jahrzehnten ist der Tatort immer mit der Zeit gegangen. Echte Skandale fanden sich schnell auch in den Krimis wieder. "Gleichzeitig hat der Tatort mit seinem Anspruch, realistisch zu erzählen, immer schon als Spiegel der Zeitgeschichte fungiert - und als Begleitkommentar des Fernsehens zu gesellschaftlichen Entwicklungen."

Kommissar Trimmel wird bedroht. © NDR Foto: Scharlau

AUDIO: Tatort: "Taxi nach Leipzig" (84 Min)

Krimis bieten eine Konstante in unsteten Zeiten

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) © NDR/Christine Schröder
Maria Furtwängler verkörpert Kommissarin Charlotte Lindholm - hier in der Folge "Das Gespenst".

Ein anderer wichtiger Faktor der Erfolgsformel ist, dass es vor der eigenen Haustür spielt. Ein Mord in New York ist abstrakt. Einen Mord in Hamburg kann man besser mitfühlen. Und: Auf den Tatort-Krimi kann man sich verlassen. "Krimis bieten eine gleichbleibende Handlungsstruktur. Und gerade in Zeiten, in denen sich viel verändert, sind Krimis eine Konstante. Sie signalisieren auch Gerechtigkeit und Sicherheit, was nicht der Alltagserfahrung vieler Menschen entspricht", sagt Bleicher

Durch das Internet hat sich der Tatort verändert. Die Fälle werden aufwendiger gedreht, die Geschichten sind ein bisschen verschachtelter, als in den 70er- und 80er-Jahren. Am Ende schalten aber dennoch im Schnitt neun Millionen Menschen ein, denn, wie es ein Fan ausdrückt: "Na ja - du willst das Ende wissen, ne?"

Jubiläumsfolgen mit Kommissaren aus Dortmund und München

Zum 50-jährigen Jubiläum zeigt die ARD im Ersten die Jubiläums-Doppelfolge "In der Familie" mit den Dortmunder Kommissaren Faber, Bönisch, Dalay und Pawlak und den Münchener Ermittlern Leitmayr und Batic. Der erste Teil läuft am 29. November ab 20.15 Uhr, der zweite Teil folgt eine Woche darauf am 6. Dezember. Im Anschluss an die Austrahlung im Ersten ist der Tatort dann auch in der ARD Mediathek zu sehen.

 

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Aus der Fassung gebracht von den bohrenden Fragen des Hauptkommissars Trimmel (Walter Richter, rechts), greift Erich Landsberger (Paul Albert Krumm) zur Pistole. © NDR/Scharlau

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 26.11.2020 | 19:00 Uhr

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