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Furcht und Verlangen: "…zwei Gefühle…"

Dienstag, 19. Januar 2021, 21:00 bis 22:00 Uhr

Zwei Wörter werden Sie nach dieser Stunde mit dem Komponisten Helmut Lachenmann verbinden, und diese Wörter werden einen speziellen Beigeschmack bekommen, es sind die Wörter "glücklich" und "interessant".

Helmut Lachenmann im Gespräch über die Systemrelevanz

Der Komponist Helmut Lachenmann © picture alliance / dpa Foto: Bernd Weissbrod
Der Komponist und Kompositionslehrer Helmut Lachenmann im Porträt.

Der 85-Jährige Komponist liest das Höhlengleichnis von Leonardo da Vinci in seinem Werk "…zwei Gefühle…" immer noch gern selbst. Und Teodor Currentzis ließ ihm bei den Proben für die jüngsten Aufführungen im Herbst 2020 nicht die kleinste Ungenauigkeit durchgehen. Dass der Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters den Komponisten außerordentlich bewundert, war auch im Gespräch vor der Aufführung im Currentzis-Lab am 15. September in der Stuttgarter Liederhalle nicht zu überhören. Wir nehmen Sie mit hinter die Kulissen und sensibilisieren Sie für die systemrelevante Bedeutung von Komponisten.

Wir Komponisten sind unverzichtbar

"Gerade weil wir Komponisten überflüssig sind, sind wir unverzichtbar: Die Kunst ist der Bereich, wo wir - über den ganzen Alltag hinaus - uns daran erinnern, dass wir geistbegabte Kreaturen sind. Und das ist der Sinn, warum wir überhaupt auf dieser Erde herumspazieren." (Helmut Lachenmann im Gespräch mit der Filmemacherin Wiebke Pöpel im Film "My Way", 2020).

Fortsetzung der großen Europäischen Tradition

Wer mit Helmut Lachenmann über seine Musik spricht, erfährt immer auch viel über Beethoven und Haydn, Mozart und Nono. Er sieht sich ganz in der Tradition der europäischen Musikschaffenden. "Ich habe als Kind mit Begeisterung als schwacher Pianist den langsamen Satz der Appassionata gespielt, in diesem feierlichen Des-Dur. Und dann hat Meister Beethoven nach meiner Ansicht damals nur Unfug mit dem Thema getrieben. Hat sie einfach aufgelöst in ein Spiel-Werk, welches mit der Feierlichkeit des Themas nichts mehr zu tun hatte. Aber das ist genau das, was europäische Musik immer wieder gemacht hat: sie hat eine Sache gesetzt und hat sich damit auseinandergesetzt. Und hat dabei den ersten Zauber erst einmal durchbrochen", erklärt Helmut Lachenmann.

Verlangen nach Erkenntnis

"Doch ich irre umher", schreibt Leonardo da Vinci, "ich irre umher, getrieben von meiner brennenden Begierde, das große Durcheinander der verschiedenen und seltsamen Formen wahrzunehmen, die die sinnreiche Natur hervorgebracht hat. Als ich aber geraume Zeit verharrt hatte, erwachten plötzlich in mir zwei Gefühle: Furcht und Verlangen. Furcht vor der drohenden Dunkelheit der Höhle, Verlangen aber mit eigenen Augen zu sehen, was darin an Wunderbarem sein möchte." (Leonardo da Vinci, Codex Arundel, AR. 155r., R 1339, Übersetzung von Kurt Gerstenberg)

Und ständig ein neuer Blick auf den Lago Maggiore

Im Portraitfilm "My Way", der vor kurzem in der ARD lief, hat Wiebke Pöpel sehr geschickt die heiteren Unterbrechungen in die Dokumentation eingewoben. Da setzte Helmut Lachenmann sich ab und zu ans Klavier und spielte ganz für sich Unterhaltungsmusik: Filmmusik aus "Orient Express" von Ennio Morricone, Musik von George Gershwin ("Our love is here to stay") und "Raindrops keep fallin' on my head" von Burt Bacharach. Dieser Human Touch, war es auch, der dem Publikum im Foyer der Hamburger Staatsoper vor Jahren (1997) so großen Spaß gemacht hat, mit ihm über seine Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" zu diskutieren. Solche menschlichen Begegnungen wirken wie ein  Vademecum, das die eigene Neugier entzündet und Lust macht, auf das Unbekannte zuzugehen. Helmut Lachenmann empfiehlt, im Konzert nicht nur zuzuhören.

Aber wie soll man hören?

Beobachten statt sehnsuchtsvoll nach einem sentimentalen Wohlgefühl zu suchen, das ist die Empfehlung. Probieren Sie es aus. Risiko und Nebenwirkungen sind versprochen.

Eine Sendung von Margarete Zander

Weitere Informationen
Tasten eines Konzertflügels © NDR

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