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Einer der großen Komponisten unserer Zeit: Wolfgang Rihm

Dienstag, 09. Februar 2021, 21:00 bis 22:00 Uhr

Wolfgang Rihm im Porträt © dpa Foto: Bernhard Schmitt
Wolfgang Rihm ist Komponist, Professor für Komposition und Autor zahlreicher Bücher.

"Das Beginnen, das Sein und das Enden, das ist das Sagen der Musik", philosophiert der Komponist lächelnd. Seine tiefe Verbundenheit mit dieser Kunst, die sich nicht in Worten ausdrücken lässt, ist eine wesentliche Lebenskraft in seinem täglichen Kampf mit einer lebensbedrohlichen Krankheit.

Komponieren ist seine Art zu leben

"Das Vermächtnis" hatte Victor Grandits sein Filmportrait von Wolfgang Rihm für den SWR 2019/2020 genannt. Natürlich ist es keines. Täglich sitzt der 68-jährige Komponist an seiner "Werkbank", dem Flügel und komponiert. Seinen Alltag meistert er nach Tagesform, wach, aktiv und gestaltend. Wolfgang Rihm liebt die kleinen Freiheiten des Alltags, wenn er mit seiner Frau Veronika spazieren geht oder ganz in der Nähe seines Geburts- und Wohnortes Karlsruhe an einem kleinen See sitzt, unspektakulär, im Puls der Natur atmend, und er genießt die Abende mit Freunden, wenn Peter Sloterdijk und seine Frau auf ein Gläschen Wein vorbeikommen. Aber vor allem komponiert er. Mehr als 500 Werke hat Wolfgang Rihm bislang geschrieben. Das Komponieren ist seine Art zu leben, Gedanken und Gefühle über das Menschliche an sich und den Geist der Dinge aufzuschreiben.

Geprägt durch unterschiedliche Lehrer

In einem Selbstporträt, das Wolfgang Rihm im Jahr 2000 für NDR Kultur produzierte, spricht der Komponist die Dinge an, die ihn geprägt haben und die ihn umtreiben. Seinen ersten Kompositionslehrer hat Wolfgang Rihm in der Straßenbahn getroffen. Er hatte eine Musikkritik zu einem Werk seines Onkels von Eugen Werner Velte in der Zeitung gelesen und ihn angesprochen. Da war Wolfgang Rihm gerade mal 11 Jahre alt. Und der zweite wichtige Lehrer war ein Nachbar in Karlsruhe, der Schriftsteller Adolph von Grolman. Grolman hatte in Literaturwissenschaft in München über Hölderlins "Hyperion" promoviert. So ganz nebenbei erzählte er gern von seiner Begegnung mit Thomas Mann und begeisterte Wolfgang Rihm für die Musik von Johann Sebastian Bach, über den er ein Buch veröffentlicht hatte. Wolfgang Rihm erinnert sich aber auch an etwas Seltsames: Der Flur in der Wohnung des Junggesellen Grolman lag voller Romane, die der Schriftsteller in französischer Sprache geschrieben hatte. Und an der Wand gab es ein Foto der Mutter - im offenen Sarg. "Das Ambiente ist damit auch gekennzeichnet, aber ich ging unbeschadet daraus hervor: belehrt, bereichert um Dimensionen des geistigen und der Anschauung von geistigen Gegenständen, die ich woanders nicht bekommen hätte."

Gedanken und Gespräche festgehalten

Ein zweites Violinkonzert wünschte sich die Stargeigerin Anne-Sophie Mutter von Wolfgang Rihm. Es sollte ein Kontrapunkt in ihren Mozart-Programmen sein. Und sie schwärmte geradezu von den "Irrlichtern" wie in Shakespeares Sommernachtstraum und den Stellen, in denen die Emotionalität intensiv aufflackert. Wolfgang Rihm selbst verweigerte jede Erklärung. Was er jedoch liebte, war, in Gesprächen und Schriften den geistigen Zettelkasten zu öffnen, der beim Komponieren entstanden war. Auf 900 Seiten kann man seine gesammelten Schriften und Gespräche nachlesen, die unter dem Titel "ausgesprochen", bei Schott veröffentlicht wurden. Wolfgang Rihm hat das Denken und Sprechen über Musik in den letzten 50 Jahren geprägt. Wie ein Grundklang aber zieht sich durch all diese Äußerungen die Haltung, dass Musik sich dem Sprechen entzieht. "Musik geht viel weiter als diese Begriffsbildungen, die uns zur Verfügung stehen."

Eine Sendung von Margarete Zander

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Tasten eines Konzertflügels © NDR

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