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Sofia Gubaidulina zum 90. Geburtstag

Dienstag, 19. Oktober 2021, 21:00 bis 22:00 Uhr

Wenn sie daran denkt, wie alt sie ist, könnte man sagen, dass alles gut geht, lacht die russische Komponistin. Der Tee in den wunderschönen russischen Teetassen in ihrem Wohnzimmer wird kalt, so eifrig sind wir ins Gespräch vertieft. Das Arbeiten an ihrem vielleicht letzten Werk fällt ihr nicht so leicht. "Geistige Kräfte habe ich vielleicht mehr als vorher", sagt die Komponistin, aber die physischen Kräfte lassen nach. Im Kopf ist das Werk so gut wie fertig. Sofia Gubaidulina komponiert am Prolog zum Orchesterwerk "Der Zorn Gottes".

Die russische Komponistin Sofia Gubaidulina. © Picture Alliance/dpa Foto: Mario Cruz
Sofia Gubaidulina zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen KomponistInnen Russlands.
Metakosmische Dinge

"Der Hass hat so große Ausmaße erlangen, wir haben jetzt Mittel, die Welt zerstören zu können, wir stehen vor dem Abgrund." Erklärt die Komponistin aufgeregt. Doch es geht ihr nicht darum, uns zu belehren, uns aufzurütteln. Sie möchte begreifen und neue Perspektiven für sich entdecken. "Es ist etwas Fantastisches, Unrealistisches. Gerade in diesem Werk spüre ich, es geht mehr um meine persönlichen Verhältnisse, die Beziehungen zu metakosmischen Dingen."

Dialog: Ich und Du

30 Jahre lebt die Komponistin, die am 24.10.1931 im tatarischen Tschistopol geboren ist, in Appen bei Pinneberg und fühlt sich wohl. Studiert hat sie in Kasan und Moskau und dort schon erste Preise bekommen. Doch sie hat den offiziellen Weg, den die Politik von ihr erwartet hatte, schnell verlassen. Der russisch-orthodoxe Glauben und die Stille prägen die Musik der tatarischen Komponistin. Eine wesentliche Quelle für ihre Klänge war das Improvisieren. Dabei hat sie mit Instrumenten wie dem Aquaphon oder der Sitar faszinierend seltsame Klangzaubereien in die Musik gebracht. Doch der stärkste Zauber geht von den Musikerinnen und Musikern aus, schwärmt sie. So hat Gidon Kremer mit ganz besonderen Kräften ihr Violinkonzert "Offertorium" im Westen bekannt gemacht. "Es gibt etwas Teuflisches in der Musik, wenn Gidon Kremer spielt," schwärmt sie. "Das soll im Werk stehen!"

Auch die Weisheit der "Sofia" im zweiten Violinkonzert für Anne-Sophie Mutter hat irrationale Kräfte freigesetzt und jetzt ist es ganz aktuell ihr 3. Violinkonzert (2018), in dem sich der "Dialog: Ich und Du“ aus den Gedanken des Philosophen Martin Buber zwischen dem Solisten Vadim Repin und dem Dirigenten entfaltet und die Menschen im Innersten einbezieht.

125 Druckausgaben ihrer Kompositionen führt der Sikorski-Verlag auf, darunter 53 Kammermusiken, 21 Konzertwerke und 9 Orchestermusiken.

Der Zorn Gottes

"Es geht immer klarer um die Essenz der Existenz", erklärt Sofia Gubaidulina, wenn sie über ihr aktuelles Werk spricht, den Prolog zum "Zorn Gottes". Sie ist sich mehr und mehr bewusst: "Es ist unglaublich wichtig, eine Begrenzung zu haben. Nur die Begrenzung gibt uns allen wirkliches Leben."

Sofia Gubaidulina schaut in die Zukunft und wünscht sich, dass sie noch viel Kraft haben wird.

Eine Sendung von Margarete Zander.

 

Weitere Informationen
Tasten eines Konzertflügels © NDR

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