NDR Kultur kontrovers

"Cancel Culture" - lieber absagen als aushalten?

Dienstag, 08. September 2020, 18:30 bis 19:00 Uhr

Cancel Culture - die Kultur des Absagens und Streichens beschäftigt derzeit immer wieder die Debatten in den Feuilletons. Für die Kulturredaktionen des NDR Grund genug, das sehr unterschiedlich definierte Phänomen in dieser Woche einmal genauer zu betrachten - in NDR Kultur kontrovers etwa aus der Sicht einer Philosophin, eines Politikwissenschaftlers und einer Schriftstellerin.

Götz Aly gestikuliert © imago images / Gerhard Leber Foto: Gerhard Leber
Götz Aly ist Politikwissenschaftler, Historiker und Journalist

Es ist eine Debatte, die sich viel um die Frage der Deutungshoheit dreht. Wer hat das Recht zu definieren, welche Äußerungen zur Kultur heute akzeptabel sind, welche Denkmäler somit stehen bleiben dürfen, welche Straßen umbenannt werden müssen? Der Historiker und Autor Götz Aly, Jahrgang 1947, der zu Themen wie Antisemitismus und dem Protest der 1968-Generation gearbeitet hat, mahnt, man möge in jedem Einzelfall beide Seiten sehen.

"Ich gehe davon aus, dass wir alle unsere Licht- und Schattenseiten haben und dass wir also damit leben müssen, dass wir diese Ambivalenzen sehen müssen", erklärt Aly und ergänzt: "Zum Beispiel die Antisemiten. Es ist ganz schwer, in Deutschland im 19. Jahrhundert jemand zu finden, der nicht etwas gegen die Juden geschrieben hat. Richard Wagner war ein fürchterlicher Antisemit, aber er war ein bedeutender Musiker. Damit muss man leben und das muss man so lassen, aber darüber muss man sprechen."

Neue Bewegungen bringen neue Stimmen hervor

Ein Kopfhörer liegt auf einem Mischpult. © NDR Foto: Gitte Alpen
AUDIO: NDR Kultur kontrovers zum Thema "Cancel Culture" (30 Min)

Deshalb sollte die Mohrenstraße in Berlin auch weiterhin so heißen, im Kontrast dazu solle es dort aber auch einen Platz geben, der den Namen von Anton Wilhelm Amo trägt - in Erinnerung an den ersten Professor mit schwarzer Hautfarbe in Deutschland. Dass sich in Berlin ein Verein Gehör verschaffen kann, der die Umbenennung der Mohrenstraße fordert, hat aber auch damit zu tun, dass Bewegungen wie "Black Lives Matter" neue Stimmen hervorbringen, sagt die Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins Svenja Flaßpöhler:

Svenja Flaßpöhler © picture alliance / Geisler-Fotopress Foto: Christoph Hardt
Svenja Flaßpöhler ist Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie-Magazins.

"Wir haben eine immer weiter zunehmende, ich will es mal so nennen: Sensibilisierung - eine moralische Sensibilisierung, tatsächlich natürlich auch eine Einbeziehung von Gruppen, die lange marginalisiert wurden. Und dieser moralische Fortschritt, der damit einhergeht, der ist sozusagen unaufhaltsam. Und es ist auch erstmal richtig, dass wir empfindlicher werden. Aber dennoch stellt sich auch da natürlich schon die Frage der Grenze."

Welche Rolle spielt der Grad der Betroffenheit?

Jagoda Marinic © picture alliance/dpa Foto: Jens Kalaene
Jagoda Marinić ist Schriftstellerin und Kolumnistin.

Denn wer Cancel Culture anregen darf - das Streichen von Kultur, wenn sie einem nicht passt - das hat schlussendlich auch damit zu tun, in welchem Verhältnis jemand zum Thema steht. Und so entspinnt sich zum Ende des Gesprächs auch die Frage, welche Rolle der Grad der Betroffenheit spielt. Jagoda Marinić, Schriftstellerin und Leiterin des Interkulturellen Zentrums in Heidelberg, fordert, dass Betroffenen mit Nähe zum jeweiligen Thema mehr Gehör entgegengebracht werden sollte.

"Ich meine, wir hatten jahrhundertlange Distanz und haben vieles nicht erkannt, was im Moment wirklich bahnbrechende Erkenntnisse sind", sagt Marinić und fügt hinzu: "Die Kraft von 'Black Lives Matter', die man in manchen Punkten kritisch sehen kann, die Kraft ist da, weil eine Generation da ist, die manches dezidiert von einem ganz anderen Ausgangspunkt begreift als die Vergangenheit." Es ist die Aufforderung, länger miteinander ins Gespräch zu kommen, anstatt reflexhaft kurzfristige Absagen erwirken zu wollen - das wird in diesem Gespräch über Cancel Culture sehr deutlich.

Durch die Sendung führte Claudia Christophersen.

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