Konzertszene: Pianist Daniil Trifonov während des Konzerts mit Alan Gilbert und dem NDR Elbphilharmonie Orchester in der Elbphilharmonie Hamburg (5. Februar 2021) © NDR Foto: Screenshot

Facettenreich: Daniil Trifonov spielt in Elbphilharmonie

Stand: 06.02.2021 10:53 Uhr

Der russische Weltstar am Klavier, Daniil Trifonov, feierte sein Debüt mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter Alan Gilbert. Das Publikum konnte im Radio und im Internet-Livestream dabei sein.

von Daniel Kaiser

Daniil Trifonov ist ein Ereignis. Schon mit wenigen Tönen, die er am Klavier anschlägt, zeigt er, dass er nicht nur in einer eigenen Liga, sondern eigentlich in einer ganz eigenen Disziplin unterwegs ist. Mit seinem Spiel erzeugt Trifonov einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Faszinierend, wie facettenreich er die beiden einsätzigen Klavierkonzerte von Prokofjew (1912) und Schnittke (1977) nebeneinander stellt.

Eins mit der Musik

Es ist dabei gar nicht allein die schiere Virtuosität, mit der Trifonov mühelos Achttausender der Klavierliteratur ohne Sauerstoffflasche erklimmt, sondern vor allem die Musikalität, mit der er auch Werke wie das Klavierkonzert von Alfred Schnittke erschließt, die - vorsichtig formuliert - nicht sofort ins Ohr gehen. Schon die ersten vier Töne, die verloren in der leeren Elbphilharmonie klingen, erzählen eine eigene, ergreifende Geschichte.

Schnittke kombiniert verschiedenste Stile zu einem eigenen neuen Guss. Er verarbeitet klassische Sonatenklänge mit Zitaten orthodoxer Chormusik, Blues und Walzer. Wenn die Streicher zu einem hollywoodartigen Wohlklang ansetzen, kommen sie nie weit, weil Trifonov am Flügel ohne Deckel mit existentiellen Hammer-Schlägen brutalstmöglich interveniert.

Klavierkonzerte mit Körpereinsatz

Mit seinem ganzen Körper choreographiert Trifonov die Musik. Beim dissonanten Schnittke krümmt er seinen Rücken quasimodoartig und kauert über den Tasten, das verzerrte Gesicht so nah an Noten, als hätte ein stark kurzsichtiger Professor seine Brille zu Hause vergessen. Bei den kraftvollen Clustern fliegt seine Corona-Frise in die Luft. Mit einem beseelten Lächeln schaukelt er sich dagegen beim vor Vitalität und Lebensfreude strotzenden Jugendwerk des 21-jährigen Prokofjew mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester in harmonische Höhen, und Trifonov hebt mit seinem Flügel ab.

Zuvor hatte das NDR Elbphilharmonieorchester unter Alan Gilbert mit Prokofjews "Symphonie classique" einen schwungvollen, lustvollen Auftakt musiziert. Nach dem letzten Ton reckt die Flötistin lachend ihr Instrument in die Höhe - ein Sinnbild für diesen Konzertabend.

Zauberer am Klavier

Man muss allerdings ein bisschen länger hinschauen, bis man in dem Pianisten auf der Bühne den jungen, gestylten Mann vom CD-Cover erkennt. Wenn man den 29-Jährigen beim Musizieren erlebt, versteht man, dass er sich mit Musik viel besser verständigen kann als mit Worten.

In der leeren Elbphilharmonie applaudieren am Ende nur die Musiker. Es ist ein schmerzhafter Moment, weil klar ist, dass in diesem Moment normalerweise der vollbesetzte Saal toben würde. Nur kurz wird die Frage einer Zugabe erörtert. "Pleeeease!" ruft eine Cellistin. Und dann spielt, nein, zaubert Trifonov den Beginn einer Klaviersonate des jüngsten Bach-Sohnes Johann Christian: mit Witz und leichter Hand, schelmisch-genial wie Mozart in dem Hollywood-Film. Schon in diesem kleinen Werk strahlt Daniil Trifonovs große Kunst. Ein wunderbarer Abend! 

VIDEO: NDR Elbphilharmonie Orchester tritt mit Daniil Trifonov auf (3 Min)

 

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 04.02.2021 | 19:30 Uhr