Stand: 23.01.2017 07:58 Uhr

Wiener Philharmoniker begeistern mit Mahler

von Marcus Stäbler

"Die internationalen Top-Orchester stehen Schlange", hatte Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter vor der Eröffnung versprochen. Jetzt dürfen sie endlich rein, sehr zur Freude des Klassik-Publikums. Eine Woche nach den umjubelten Konzerten des Chicago Symphony Orchestra sind jetzt die Wiener Philharmoniker in Hamburg zu Gast. Semyon Bychkov dirigierte ein Programm mit Gustav Mahlers erster Sinfonie als Hauptwerk in der zweiten Hälfte.

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Mit seinem sorgfältig zwischen Oper und Sinfonik ausbalancierten Wirken erfreut Semyon Bychkov sich einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit den großen Orchestern dieser Welt.

Ein ganz leiser Ton, so hell und klar wie der erste Sonnenstrahl am Morgen. "Wie ein Naturlaut" hat Gustav Mahler den Beginn seiner ersten Sinfonie überschrieben. Noch liegt die Landschaft im Schlaf. Aber dann erwachen die Stimmen der Natur nach und nach. Eine leichte Brise weht über das Feld, der Kuckuck ruft. Aus diesem Kuckucksmotiv der Klarinette entwickelt sich eine beschwingte Melodie. Semyon Bychkov und die Wiener Philharmoniker lassen uns beim Keimen und Wachsen der Musik zuhören. Dieser Prozess hat Gustav Mahler sein ganzes Komponistenleben lang beschäftigt, wie Bychkov erklärt: "Er war besessen davon, eine Welt zu erschaffen, auch in der ersten Sinfonie. Der erste Satz ist sehr pastoral und eine große Herausforderung für die Interpreten, weil all die kleinen Veränderungen des Tempos und der Stimmung sich ganz unbemerkt entwickeln müssen."

Semyon Bychkov formt die feinen Übergänge in Mahlers erster Sinfonie mit langem Atem. Der 64-jährige Dirigent mit den grau melierten Locken verströmt eine große Ruhe, wenn er mit den Händen kurvige Linien zeichnet und so den edlen Klang der Wiener Philharmoniker modelliert. Er kann aber auch urplötzlich mit dem Taktstock zustechen und den Sound explodieren lassen.

Momente inniger Schönheit und brachialer Gewalt

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Das Orchester reizt die dynamische Spannbreite der Sinfonie aus und schärft ihre Charaktere, nur die Blechbläser spielen nicht ganz so bestechend präzise.

Das Orchester reizt die dynamische Spannbreite der Sinfonie aus und schärft ihre Charaktere: den geradezu dorfmusikantisch derben Ton im Scherzo, die schwarze Ironie im Trauermarsch, mit einer Mollvariante des Volkslieds "Bruder Jakob" - aber auch die Dramatik im Finale, in dem Momente von inniger Schönheit und brachiale Gewalt aufeinander prallen. Die Blechbläser spielen nicht ganz so bestechend präzise wie die Kollegen vom Chicago Symphony Orchestra vor einer Woche, und die Piccoloflöte pfeift mitunter ziemlich schrill - aber die Wiener Philharmoniker sind ja auch vor allem für ihren Streicherklang bekannt. Und zwar vollkommen zu Recht. Zum Niederknien schön, wie die 30 Geigen im Finale gemeinsam schwelgen und ihr zartes Thema genießen.

Vom Zauber und der Intensität der zweiten Hälfte war vor der Pause noch nicht so viel zu spüren. Bei Detlev Glanerts Bearbeitung der vier ernsten Gesänge von Brahms hatte das Orchester mit dem Bariton Johan Reuter einen etwas blassen Partner mit wenig Textgespür an der Seite. Aber das war nach der packenden Mahler-Sinfonie längst vergessen, an deren Ende die große Trommel die Erde beben ließ.

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