Stand: 01.09.2020 14:26 Uhr

Alan Gilbert: "Die Klassikszene ist spontaner geworden"

von Daniel Kaiser

Endlich kommt Leben zurück in die Elbphilharmonie! Das NDR Elbphilharmonie Orchester startet heute Abend mit Publikum in die neue Saison. Die Konzerte sind kürzer, das Publikum ist kleiner. Und auch auf der Bühne sitzen weniger Musiker. NDR Redakteur Daniel Kaiser hat Chefdirigenten Alan Gilbert am Rande einer Probe getroffen.

Alan Gilbert im Porträt vor der Skyline der Elbphilharmonie Hamburg © NDR Foto: Peter Hundert
Dirigent Alan Gilbert freut sich über das Glück, wieder live Musik machen zu können.

Schon bei der Probe wird viel gelächelt und gelacht. Endlich wieder zu Hause. Endlich wieder in der Elbphilharmonie. Bei allen Einschränkungen, trotz aller Desinfektionsspender, freut sich Alan Gilbert über ein Stück Normalität. "Es ist unmöglich zu beschreiben, wie viel Glück wir haben, hier wieder Musik machen zu können. Es ist auch politisch in der Welt eine schwere Zeit. In den USA, wo ich herkomme, ist es noch völlig unklar, wann und wie die Musik zurückkommen wird. Hier kommen wir nur etwas anders als vorher, jetzt auch mit Publikum, das ist aufregend. Es fühlt sich an wie ein Privileg", so Gilbert.

600 Gäste zur Saisoneröffnung in der Elbphilharmonie

Die Konzerte in der Elbphilharmonie finden natürlich mit Corona-Abstand statt: mit nur etwa 600 Menschen im Publikum statt 2.100. Gleichzeitig sind Bahnen, Flugzeuge und Restaurants voll besetzt. Alan Gilbert kennt das ähnlich aus Schweden, wo er seine Corona-Zwangspause verbracht hat. Kultur habe einfach eine zu schwache Lobby, sagt er. "Es ist total absurd. Da dürfen am Strand 300 Leute sein. Aber wenn jemand eine Gitarre rausholt und spielt, dürfen es nur noch 50 sein. Ich glaube, dass die Kultur erst ganz am Schluss dieser Pandemie zurückkommen wird. Sie gilt einfach als weniger wichtig als Einkaufen und Reisen. Ich halte das für falsch. Wir tun, was wir können - auch hinter den Kulissen. Aber da sind so viele Kräfte am Werk."  

Gilbert: "Klassikszene ist spontaner geworden"

Eine kleine gute Sache hat Corona für die Klassikszene immerhin gebracht, findet Gilbert. Sie ist viel spontaner geworden. Die Pläne für die Konzerte zur Saison sind in wenigen Wochen entstanden. Vorher musste man Konzerte Jahre im Voraus planen. "Das ist immer ein komisches Gefühl, weil du gar nicht weißt, was du dann in ein paar Jahren wirklich machen willst. Man kann gar nicht reagieren. Im Theater spielen sie einfach Stücke, die gut laufen, länger. Vielleicht ist das jetzt wirklich eine Chance, spontaner zu werden. Leute anzurufen: 'Hey, lass uns loslegen!' Das wäre schön."

Eigentlich war für das Eröffnungskonzert, die alljährliche Opening Night, die Alpensinfonie von Richard Strauß für ein Hundert-Mann-Orchester geplant. Stattdessen gibt es nun Brahms in kleinerer Besetzung. Alle vier Brahms-Sinfonien in sieben kurzen Konzerten, wechselvoll kombiniert mit den beiden Prokofjew-Violinkonzerten. Gilbert schwärmt von der wunderbaren Musik: "Jede der vier Sinfonien ist ein musikalisches Universum für sich. Die meisten Komponisten klingen in all ihren Sinfonien ähnlich. Diese Sinfonien jetzt mit einem Orchester zu spielen, dass sie kennt und liebt und dann noch in Brahms' Geburtsstadt - das ist eine poetische Rückkehr zu Live-Konzerten mit Publikum!"

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NDR Info | Kultur | 01.09.2020 | 10:55 Uhr