Daniella Fitriab (l-r), Iswanto Hartono (beide vom Künstlerkollektiv Ruangrupa), Stefan Marx (Verkäufer der Straßenzeitung "Asphalt"), Volker Macke (Redaktionschef "Asphalt") und Reza Afisina (Ruangrupa) präsentieren vor dem ruruHaus die Oktober-Ausgabe der "Asphalt" mit der kompletten Künstlerliste der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler der "documenta fifteen". © picture alliance/dpa Foto: Uwe Zucchi

documenta 15: Teilnehmer im Straßenmagazin bekannt gegeben

Stand: 01.10.2021 17:13 Uhr

Das Künstlerkollektiv Ruangrupa, das im nächsten Jahr die documenta kuratieren wird, hat seine Auswahl an teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern im Straßenmagazin "Asphalt" bekannt gegeben.

Daniella Fitriab (l-r), Iswanto Hartono (beide vom Künstlerkollektiv Ruangrupa), Stefan Marx (Verkäufer der Straßenzeitung "Asphalt"), Volker Macke (Redaktionschef "Asphalt") und Reza Afisina (Ruangrupa) präsentieren vor dem ruruHaus die Oktober-Ausgabe der "Asphalt" mit der kompletten Künstlerliste der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler der "documenta fifteen". © picture alliance/dpa Foto: Uwe Zucchi
Beitrag anhören 6 Min

Sebastian Frenzel ist stellvertretender Chefredakteur vom Kunstmagazin "Monopol". Im Gespräch mit NDR Kultur ordnet er die Auswahl ein.

Herr Frenzel, von den bekannt gegebenen Künstlerinnen und Künstlern kannte ich niemanden. Wie ging es Ihnen?

Sebastian Frenzel: Das ging mir auf jeden Fall ähnlich. Mit der Auswahl ist Ruangrupa auf jeden Fall eine Überraschung gelungen.

Was hat die zu dieser Auswahl bewegt?

Frenzel: Die Auswahl ist schon schlüssig: Ruangrupa ist selbst ein Kollektiv, und wir werden vielleicht keine Weltkunstschau erleben, sondern eine Weltkollektivschau. Sie haben ihr eigenes Prinzip, denn sie agieren als offenes Kollektiv, das heißt, es gibt einen Kern und immer wieder neue Partnerinnen und Partner, mit denen man zusammenarbeitet. Zur documenta haben sie vor allem Kollektive eingeladen, die wiederum auch eingeladen sind, weitere Teilnehmer zu bestimmen. Das ist ein offener Prozess, in dem es überhaupt nicht auf einzelne Namen oder Werke ankommt, sondern eher auf so einen Kollektivgedanken, auf soziale Projekte und auf Bereiche, die in dem klassischen Sinne gar nicht als Kunst betrachtet würden.

Das heißt, da ist ein Stein ins Wasser geworfen worden, und der zieht Kreise?

Frenzel: Auf jeden Fall. Und man kann nur gespannt sein, was am Ende dabei rauskommt. Ich habe ein bisschen gegoogelt, wer diese Kollektive sind, denn wir kennen die auch nicht. Ruangrupa hat ganz sicher nicht - was die Kuratoren sonst machen würden - in den klassischen Orten der Kunstwelt nachgeschaut, wen man nehmen kann, in Ateliers oder bei früheren Biennalen oder Ausstellungen, wer gerade spannende Arbeit macht, sondern eher im sozialen Bereich? Da ist ein Kollektiv aus Indonesien dabei, das eher politische Plakate macht, ein Filmstudio, das eigentlich in einem Slum in Kampala In Uganda agiert. Da ist ein Geschichtenerzähler aus Jakarta dabei, ein Magazin für afrikanische Kunst, Kunstprojekte von Geflüchteten. In diese Richtung geht es.

Mit der Liste der eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern heute Ruangrupa auch ein paar inhaltliche Pflöcke eingeschlagen. Welches Programm erkennen Sie darin?

Frenzel: Man kann es vielleicht anhand der einzelnen Projekte, oder wo diese kollektive agieren, ablesen. Es wird auf jeden Fall bei dieser documenta nicht in erster Linie um ästhetische Fragen gehen, nicht um Stil-Fragen oder um formale Neuerungen, sondern eher darum, wie Künstler in der Welt agieren. Die Vorstellung von einem Künstler oder einer Künstlerin, die alleine werkelnd in ihrem Atelier schöne Bilder malt, ist ohnehin überholt. Das wussten natürlich auch schon frühere documenta-Macher, aber dieser Gedanke wird jetzt in einer Radikalität umgesetzt, die es bisher so noch nicht gab.

Die Art und Weise, wie die Liste präsentiert worden ist, war ungewöhnlich. Denn sie ist im "Asphalt" veröffentlicht worden, dem Straßenmagazin von Hannover. Das ist für eine Weltkunstausstellung doch eher ungewöhnlich. Wie ordnen Sie das ein?

Frenzel: Das passt eigentlich auch ganz gut in das Bild. Es geht nicht darum, dass man die neuen Stars von morgen auf dieser documenta präsentiert. Man will auf gar keinen Fall den Markt füttern. Es wurden auch bei der Bekanntgabe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht mal die Herkunftsländer bekanntgegeben, sondern in Klammern findet man nur die Zeitzonen, aus denen sie stammen. Man kann das auch albern oder übertrieben finden, aber Ruangrupa ist sehr konsequent in dieser Umsetzung, dass man wegkommt von diesem Star-System und der Geheimnistuerei. Normalerweise ist diese Künstlerliste heiß begehrt, es gibt Spekulationen wie bei der Oscar-Verleihung. Wir sind daran als Medium natürlich auch immer beteiligt. Das alles unterläuft Ruangrupa und hat stattdessen einen Weg gefunden, ganz in ihrem Sinne, dass man wortwörtlich auf Straßenniveau agiert, dass man tatsächlich Menschen hilft. Denn die Einnahmen - und ich denke, die Straßenzeitung hat heute eine Rekordauflage erfahren - kommen ja einen guten Zwecke zugute.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 01.10.2021 | 18:00 Uhr