Ensemble-Mitglieder des von John Neumeier gegründeten Bundesjugendballetts bei einer Probe zu "Bundesjugendballett trifft Shakespeare. © picture alliance / Christian Fürst | Christian Fürst

Zehn Jahre Bundesjugendballett: Tanz zu den Menschen bringen

Stand: 22.09.2021 14:59 Uhr

Was vor zehn Jahren unter Intendant John Neumeier als bundesweit einmaliges Pilotprojekt begann, ist heute eine Institution. Das Bundesjugendballett feiert zehnjähriges Bestehen.

von Annette Matz

Egal wo sie auftreten, ihre Vorstellungen sind sehr schnell ausverkauft - draußen auf dem Jungfernstieg mitten in der Stadt, im Seniorenheim in Aumühle oder zuletzt beim Tag des Offenen Denkmals im ehemaligen jüdischen Tempel in der Hamburger Poolstraße: Das Bundesjugendballett ist gefragt.

Bundesjugendballett - ein Ballett ohne Heimat

Ein Blick hinter die Kulissen: Ballettmeister Raymond Hilbert erklärt letzte Änderungen, die acht Tänzer und Tänzerinnen proben im Ballettzentrum. Eine eigene Bühne haben sie nicht. Das gehört zum Konzept, keine Heimat zu haben. Die Compagnie will den Tanz zu den Menschen bringen - niedrigschwellig überallhin, das war schon von Anfang klar, sagte Intendant John Neumeier damals: "Das Konzept des Ensembles ist, dass wir nicht Nein sagen. Zum Beispiel gibt es ein Projekt mit Inhaftierten, die einen eigenen Rap-Song gemacht haben, zu dem wir die Choreografie machen. "

Spektakulär war das - drei Tage im Gefängnis. Am Anfang war vielen etwas mulmig, erinnert sich der heutige organisatorische Leiter des Ensembles Yohan Stegli: "Es war am Anfang etwas bedrückend, das ist ja klar, jemand muss immer aufschließen, man kann nicht einfach raus, man muss immer fragen. Extrem einmaliges Erlebnis, wir hatten das beste Publikum im Knast, die haben uns bejubelt wie bei einem Rockkonzert von ACDC."

"Orte mit Herz" für das Bundesjugendballett

Wir suchen "Orte mit Herz", sagt Yohan Stegli so schön. Im ganzen Land soll der Tanz zu den Menschen gebracht werden, damit er ihnen begegnen kann. Und das mit der Begegnung passiert auch manchmal noch auf ganz andere Weise, wie bei einem Auftritt in Minden etwa: "Die Einwohner geben uns eine freies Zimmer da und ein freies Zimmer da und dann schaffen wir es wirklich, alle unterzubringen. Das ist auch das Schöne daran, dass wir die Menschen auch nah kennenlernen."

Viele Jahre hatte Hamburgs Ballettchef für eine solche junge Compagnie gekämpft. Dann 2011 endlich ein Go und später auch bessere Mittel bekommen: 2,8 Millionen Euro wurden zum Start vom Bund bewilligt - für das Pilotprojekt Bundesjugendballett, das für vier Jahre angedacht war. Gelder müssen bis heute immer wieder aufs Neue beantragt werden. Eine kleine Compagnie, die sich immer wieder groß und stark machen muss, damit es weitergeht. 17 Menschen sind sie im Team - wenn die Musiker und Musikerinnen dabei sind, fast 30.

Einer der Tänzer ist der 21 jährige Hamburger Lennard Giesenberg. Mit elf hat er angefangen zu tanzen, mit zehn Neumeiers Parzifal gesehen. "Diese Sprache das hat mich einfach total beeindruckt, das Körperliche, die Bewegung, das hat mich einfach total fasziniert auf der Bühne", berichtet er.

Ein Karrieresprungbrett für junge Tänzerinnen und Tänzer

Alle im Bundesjugendballett sind streng klassisch ausgebildet. Diese Technik gibt Freiheit, sagt Kevin Haigen, der künstlerischer Leiter: "Wir versuchen einen Tänzer aufzubauen, der vielleicht nicht der perfekte 'Schwan'  in der Gruppe ist, aber vielleicht irgendwann der perfekte 'Schwan' allein. Es ist wichtig, wer du innen bist, nicht außen. Ich sage immer zu den Kids: Bring mich nicht zum Staunen, sondern berühre mich."

Der ehemalige Tänzer, einst einer der wichtigsten beim Hamburg Ballett und inzwischen Mitte 60, bringt all seine Erfahrung mit. Und seine Wärme: Er hängt auch schon mal der frierenden Tänzerin nach einem Auftritt seine Jacke um. Er lebt für diese Arbeit, ist traurig, wenn eine talentierte Tänzerin einen anderen Berufsweg einschlägt, will den Tanz voranbringen. "Ich glaube daran, dass der Tanz die Vergangenheit respektiert, aber die Zukunft sucht", sagt er.

Das Konzept des Bundesjugendballetts sieht vor, dass alle zwei Jahre neue Tänzerinnen und Tänzer kommen. Immer acht, sodass jeder ein Solist oder eine Solistin sein kann und soll. Oft ist das Bundesjugendballett auch ein Karrieresprungbrett: Madoka Sugai zum Beispiel wird inzwischen bei den Vorstellungen vom Hamburg Ballett gefeiert, andere  haben ein Engagement beim berühmten Tanztheater Wuppertal oder gründen ihre eigene Compagnie.

Weitere Informationen
Mitglieder des Bundesjugendballetts tanzen auf der Nijinsky-Gala in der Hamburgischen Staatsoper. © Kiran West Foto: Kiran West

Doppelte Nijinsky-Gala: Ein stilles "Best Of"

Die Gala beendet die Hamburger Ballett-Tage aus Tradition - normalerweise in charmant-maßloser Länge und mit großem Orchester. mehr

Szene aus "Hamlet 21" von John Neumeier. © Kiran West Foto: Kiran West

Ballett-Tage: John Neumeiers "Hamlet 21" aus dem Klassenzimmer

Mit dem Stück über die Jugend des dänischen Prinzen sind an der Hamburgischen Staatsoper die 46. Balletttage eröffnet worden. mehr

Der Choreograph und Intendant des Hamburger Ballett John Neumeier. © dpa Foto: Frank Eppler

Vorhang auf: Endlich wieder Ballett in der Staatsoper

Es geht wieder los auf den Hamburger Bühnen. Auch das Hamburg Ballett ist am Wochenende in der Staatsoper zu sehen. mehr

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 22.09.2021 | 22:45 Uhr