"Teemlich beste Frünnen" - gefühlige Komödie nach Filmvorlage

Stand: 27.09.2021 13:16 Uhr

Mit viel Applaus hat das Ohnsorg-Theater die Premiere der Komödie "Teemlich beste Frünnen" gefeiert. In dem Stück nach Vorlage des Films "Ziemlich beste Freunde" geht es um den querschnittsgelähmten Philip und seinen Pfleger Driss, der ihm hilft, die Freude am Leben wiederzufinden.

von Jan Wulf

Große Gefühle nach berühmter filmischer Vorlage: In knapp 85 Minuten bringt das Ohnsorg-Theater mit "Teemlich beste Frünnen" eine Komödie mit Tiefgang auf die Bühne. Sie ist gleichzeitig eine Ode an den normalen Umgang mit Menschen mit körperlicher Behinderung und ein Statement für ein "Ja" zum Leben trotz aller Widrigkeiten, die das Schicksal manchmal mit sich bringt. Ein gelungener Abend, wenn auch mit Schwächen im Plattdeutschen.

Vom Kleinkriminellen zum Millionärs-Pfleger

Die Handlung des Stückes ist wohl vielen aus dem Kino oder Fernsehen bekannt: Der Millionär Philip, auf der Ohnsorg-Bühne gespielt von Oberspielleiter Murat Yeginer, ist verzweifelt und verbittert. Einst ein erfolgreicher Geschäftsmann, hat das Leben ihm übel mitgespielt: Wegen eines schweren Sportunfalls beim Paragliding, also Gleitschirm-Fliegen, ist er unfähig, seine Arme und Beine zu bewegen und in allen Lebenslagen auf fremde Hilfe angewiesen. Auf der Suche nach einem neuen Pfleger trifft er unverhofft auf den Kleinkriminellen Driss, gespielt von Christian Dobler. Beeindruckt von seiner unkonventionellen, nicht von Mitleid geprägten Art mit ihm umzugehen, findet Philip die Lust am Leben wieder.

Doppel-Premiere für Oberspielleiter Murat Yeginer

Für den Oberspielleiter des Ohnsorg-Theaters Murat Yeginer ist der Abend gleich eine doppelte Feuertaufe. Es ist das erste Mal, dass er auch schauspielerisch auf der Ohnsorg-Bühne in Erscheinung tritt - und seine erste Rolle auf Plattdeutsch überhaupt. Fest steht: Er hat sich mit der Rolle des querschnittsgelähmten Rollstuhlfahrers Philip keine leichte Rolle für sein Debüt ausgesucht. Schauspielerisch meistert er sie mit Bravour. Ohne seine Arme und Beine einsetzen zu können und allein angewiesen auf seine Mimik und Kopfbewegungen überzeugt er auf ganzer Linie. Zeitweise kommen ihm die plattdeutschen Texte noch etwas bemüht, zu leise und deshalb zuweilen schwer verständlich über die Lippen. Ein Umstand, der sich sicher schnell einspielen wird. Respekt zollen kann man Murat Yeginer in seiner Rolle als Philip außerdem für seine Fahrkünste im motorbetriebenen Rollstuhl: Auch bei sich bewegender Drehbühne umschifft er alle Hindernisse des einfallsreichen (für eine Millionärsvilla manchmal aber etwas klinisch wirkenden) Bühnenbildes von Anike Sedello, mit einer Leichtigkeit, dass einem schwindelig werden kann.

Wiener Schmäh goes Plattdüütsch

Beinahe originell kommt das Plattdeutsch von Christian Dobler daher. Der Wiener Schauspieler mit kubanischer Herkunft, spielt den Pfleger Driss und geht dabei mit viel Verve, rührender Komik und einem Plattdeutsch in die Bütt, das seine Wiener Herkunft nicht leugnen lässt. Mag man anfangs noch irritiert sein, unterstreichen sein offensichtlich nicht-nordischer Akzent und seine gelegentlichen Plattdeutsch-Fehler durchaus seine in der Rolle angelegte, erfrischende Andersartigkeit und seine Unbekümmertheit beim Spiel.

Erfrischende Spielfreude

Zusätzliche Frische bringen die beiden Frauen des "Teemlich beste Frünnen"-Ensembles in den Abend. Sei es Julia Kemp in ihrer Doppelrolle als Millionärs-Assistentin Nathalie und der OHR(!)al-verwöhnenden Prostituierten Colette oder Lara-Maria Wichels als Hausdame Yvonne, die immer mehr an die junge Heidi Mahler erinnert.

Oskar Ketelhut in Bestform

Heimlicher Star des Abends ist Schauspieler Oskar Ketelhut. In gleich mehreren kleinen Rollen zeigt er an diesem Abend alle Facetten seines komödiantischen, aber auch ernsthaften spielerischen Könnens. Sei es als phlegmatischer Pfleger-Anwärter, als verschrobener Gärtner mit irrem Blick oder als mahnender Familienanwalt: Ketelhut ist in allen Rollen klasse. Eine Freude, ihm beim Spielen zuzusehen!

Ein Stück auf Hoch und Platt - aber warum?

Gespielt wird vorwiegend auf Plattdeutsch. Immer wieder gibt es aber auch hochdeutsche Sequenzen, teilweise im schnellen Wechsel mit Plattdeutsch. Warum das so ist, erschließt sich im Großen und Ganzen allerdings nicht. Soll das Hochdeutsche hier als Sprache in förmlichen oder ernsten Situationen dienen? Wenn ja, warum sprechen dann die Polizisten bei der Fahrzeugkontrolle am Anfang des Stücks Platt? Warum wechseln Philip und Colette zwischendurch immer wieder die Sprachen? Der Sinn dieses Hoch- und Platt-Mixes bleibt in der sonst sehr stimmigen und nah an der filmischen Vorlage gehaltenen Inszenierung von Milena Paulovics im Dunkeln - genauso wie die Antwort auf die Frage, ob sich durch mehr Hochdeutsch auf der großen Bühne des für Plattdeutsches Theater subventionierten Ohnsorgs tatsächlich weitere potentielle Zuschauer erschließen lassen.

Alles in allem ist "Teemlich beste Frünnen" ein gelungener, wenn auch plattdeutsch nicht immer perfekter Ohnsorg-Theaterabend. Er wird nicht nur den Fans der großartigen Filmvorlage gefallen. Unbedingt anschauen!

Weitere Informationen
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Kulturpartner: Ohnsorg-Theater

Seit über 100 Jahren gehört das Ohnsorg-Theater als feste Institution zu Hamburg. Der Großteil aller Vorstellungen findet auf Plattdeutsch statt. extern

"Teemlich beste Frünnen" - gefühlige Komödie nach Filmvorlage

In dem Stück geht es um einen Querschnittsgelähmten und seinen Pfleger, der ihm hilft, die Freude am Leben wiederzufinden.

Datum:
Ort:
Ohnsorg Theater
Heidi-Kabel-Platz 1
20099 Hamburg
Telefon:
040/35 08 03 0
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