Szene aus der Oper "Elektra" mit Aušrinė Stundytė und Violeta Urmana © Staatsoper Hamburg/Monika Rittershaus Foto: Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg: "Elektra" als Psycho-Krimi

Stand: 29.11.2021 14:27 Uhr

Richard Strauss' Oper "Elektra" hat am Sonntag in der Hamburger Staatsoper Premiere gefeiert. Das musikalisch atemlose, spannend inszenierte Familiendrama wurde vom Publikum bejubelt.

von Annette Matz

Raus aus der klassischen griechischen Mythologie, rein ins großbürgerliche Wohnzimmer. Es wirkt friedlich, hell und offen mit Glastüren, Büchern in den Regalen, Koffern, die von Reisen erzählen. Das ist aber eine große Täuschung. Nichts ist gut im Hause Agamemnon.

Klar wird das gleich zu Beginn: Wie bei einem Damenkränzchen lästert die Dienerschaft über die Tochter des Hauses: Elektra. Sie ist ruppig, verwahrlost, verzweifelt. Die eigene Mutter hat zusammen mit ihrem Geliebten ihren Vater ermordet, der gerade aus dem Krieg heimgekehrt war.

Aušriné Stundyté als Elektra

Szene aus der Oper "Elektra" mit Kady Evanyshyn, Brigitte Hahn, Violeta Urmana, Marta Świderska, Hellen Kwon, Kristina Stanek, Gabriele Rossmanith © Staatsoper Hamburg/Monika Rittershaus Foto: Monika Rittershaus
Kady Evanyshyn, Brigitte Hahn, Violeta Urmana, Marta Świderska, Hellen Kwon, Kristina Stanek und Gabriele Rossmanith in einer Szene von "Elektra" in der Staatsoper Hamburg

Ein Trauma für Elektra. Die ihren Vater wie einen Fetisch feiert, ihn als lebensgroße Puppe an den Tisch setzt und nur noch eines will: Rache. Sie wartet auf ihren Bruder Orest aus dem Exil, der Mutter und Geliebten töten soll. Eine Untat soll durch eine Untat gesühnt werden. Da hilft auch das Flehen der kleinen Schwester Chrysothemis nichts, die so gerne glücklich wäre mit Mann und Kindern. Oder die kurze Nähe zur Mutter Klytämnestra, die über ihre schlimmen Albträume berichtet. Ein psychologisches Drama.

Die litauische Sopranistin Aušriné Stundyté war schon bei den Salzburger Festspielen als Elektra bejubelt worden. Sie singt diese unfassbar schwer anmutenden Partie exzellent. Und ihre manische Verzweiflung kriecht bis oben in die Theaterränge. Beeindruckend auch Violeta Urmana als Mutter und Jennifer Holloway als Elektras Schwester.

Unterhaltung auf tiefe und nachhaltige Weise

Szene aus der Oper "Elektra" mit Jennifer Holloway und Aušrinė Stundytė © Staatsoper Hamburg/Monika Rittershaus Foto: Monika Rittershaus
Elektra mit ihrer kleinen Schwester Chrysothemis - Aušrinė Stundytė (r.) und Jennifer Holloway.

Und so ist es vor allem ein Abend der Frauen, den Kent Nagano und sein Philharmonisches Staatsorchester üppig, exakt und leidenschaftlich begleiten. Mancher im Publikum hätte sich mehr Zurückhaltung gewünscht, "dass man auch die Sängerinnen vor allem hört, die sind nicht immer rübergekommen," so ein Zuschauer. " Insofern verstehe ich auch die Buh's für Kent Nagano."

Atem holen kann niemand in diesen knapp zwei Stunden. Die Musik ist jede Minute voller Spannung. Fast wie bei einem Hitchcock-Krimi treibt sie die Handlung auf der Bühne voran. Regisseur Dmitri Tcherniakov erzählt von Menschen, die keinen Weg zueinander finden. "Alles dient dem Drama intensiv und knapp," sagt er, "kein Entertainment“. Dem allerdings kann man getrost wiedersprechen: Seine "Elektra"-Inszenierung unterhält auf tiefe und nachhaltige Weise.

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Richard Strauss' Oper "Elektra" hat in der Hamburger Staatsoper Premiere gefeiert. Das Publikum hat vor allem die Hauptdarstellerinnen bejubelt.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Staatsoper Hamburg
Große Theaterstraße 25
20354 Hamburg
Preis:
8,00 Euro bis 195,00 Euro
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 29.11.2021 | 19:00 Uhr

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