Leslie Feists Lieder vom Verlust eröffnen Sommerfestival Kampnagel

Stand: 05.08.2021 09:28 Uhr

Mit dem Weltstar aus Kanada Leslie Feist und Regenschauern hat das Internationale Sommerfestival am Mittwoch in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel begonnen. Unter dem Motto "Togetherness" setzt es gleich am Anfang starke Akzente.

von Peter Helling

Diese Stimme. Diese hohe, gehauchte Stimme zieht in den Bann: Die international gefeierte Popmusikerin Leslie Feist aus Kanada hat am Eröffnungsabend des Internationalen Sommerfestivals von der Zerbrechlichkeit des Lebens gesungen. Lieder vom Verlust. Und damit den Ton getroffen: Dieses Festival will nah an der Gegenwart sein und klammert Ängste und Schmerz nicht aus. Feists Performance zwischen Konzert und Videokunstwerk wirkt beinahe wie eine private Jamsession auf der großen Bühne der Halle K6.

Elfenhafte Stimme mit elektronischen Loops

Ihr Publikum sitzt auf Papphockern im Kreis. Keine große Show, Leslie Feist trumpft mit ihrer Gitarre nicht auf. Nur ein paar Live-Videos, in denen das Publikum auf die Vorhänge projiziert wird, als würde die Sängerin sagen: Es geht um Euch, um uns alle. "Multitudes" heißt ihr Programm, grob übersetzt: "Vielzahlen". Passend dazu vervielfältigt sie ihre elfenhafte Stimme mit elektronischen Loops, bis sich der Saal mit Klangwolken, Stimmfetzen, schmerzhaft verzerrten Harmonien füllt. Einfach großartig, das Publikum ist begeistert. "As if I would fly", "als würde ich fliegen", schwärmt eine Besucherin aus Amsterdam.    

Kurz vor dem Konzert prasselt der Regen auf die Kulturfabrik. Eine Zuschauerin nimmt es gelassen. "Bei der Eröffnung regnet es fast immer". Ein anderer sitzt mit einem Glas Wein und Bockwurst im Festivalgarten, sagt: "Nur die Harten kommen in den Garten" und lächelt.

Andras Siebold, Festivalleiter des Sommerfestivals auf Kampnagel in Hamburg. © Julia Steinigeweg Foto: Julia Steinigeweg
Festivalleiter András Siebold sagt, das Festival sei auch eine Art Vorantasten.

Festivalfieber will noch keines aufkommen, aber eine Art hartnäckige Neugier, ein Hunger auf Kultur ist überall spürbar. Endlich wieder dabei sein, wenn sich der Vorhang hebt, wenn internationale Stars Kampnagel besuchen. Das Festival ist auch ein Vorantasten, sagt Festivalleiter András Siebold, "zurück in ein gemeinsames Erleben von Kultur". Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda zitiert die Sängerin Feist, wenn er von "The other people's wealth" spricht: Nicht den materiellen Reichtum der anderen, sondern den Wert des Menschen an sich meint er damit. In seiner Eröffnungsrede appelliert er, diesen Wert anzuerkennen und zu feiern.

Ein Abend über Menschen im Hintergrund - jenseits der Scheinwerfer

Um den Wert des Menschen geht es auch in Abhishek Thapars Sound-Installation "Belastbar und sauber, dringend gesucht". Hier darf man an einem frisch gedeckten Restauranttisch Platz nehmen. Eine Servicekraft legt die Speisekarte zwischen das Besteck. Doch statt einer Menüfolge mit verschiedenen Gerichten wählt man hier zwischen vier Menschen. Vier Namen.

Man entscheidet sich etwa für Anna, anschließend bekommt man einen Kopfhörer und hört sich ihre Geschichte an. Wie sie für knapp 250 Euro im Monat in einem reichen Haushalt in Blankenese arbeitet, in einem feuchten Zimmer wohnt. Wie sie mehr und mehr zum dienstbaren Geist wird, zur "Putzfee", wie sie bitter sagt. Bis sie ausbricht. Es ist ein Abend über Menschen im Hintergrund, jenseits der Scheinwerfer, jenseits der Komfortzonen. Küchen- und Reinigungskräfte, Pflegerinnen und Köchinnen. Allzu oft reduziert auf gesichtslose Körper. Annas leise Geschichte berührt.

Gewohnte Anarchie im Festivalgarten "Avant-Garten"

Gar nicht leise, sondern fast anarchisch geht es im Festivalgarten, dem Avant-Garten zu. Eine Gruppe Tänzer und Tänzerinnen in knallbunten Kostümen, mit pinken Miedern und Badekappen-ähnlichen Hauben läuft schreiend durch die grüne Parklandschaft. Die Gruppe JaJaJa schwingt mit Rasseln und stimmt Gesänge an wie durchgeknallte Cheerleader. Wie in jedem Jahr ist der Festivalgarten zwischen Kanalromantik und rostigen Kränen ein echter Treffpunkt voller Überraschungen.

Diesmal erinnert er an einen verlassenen Jahrmarkt, mit leerem Karussell und windschiefen Buden, auch ein passendes Bild für die Gegenwart. Die Menschen tragen Masken. Auf dem ganzen Gelände gelten strenge Corona-Regeln, nur vollständig Geimpfte, Getestete oder Genese dürfen hierher. Eine Selbstverständlichkeit, die sich "fast" normal anfühlt. So kann man in den nächsten drei Wochen Vielfalt, Begegnung und einen Hauch "Togetherness" spüren: Tanz, Theater, interaktive Orts-Begehungen, Konzerte und Performances zusammen erleben. Endlich, das wurde auch Zeit.

Das Sommerfestival auf Kampnagel läuft bis zum 22. August. Im Rahmen dieses Festivals wird auch NDR Kultur zusammen mit der Zeit-Stiftung präsent sein. NDR Kultur sendet ab Dienstag, den 10. August, ein Kultur Sommer-Spezial - teilweise auch live vom Kampnagel-Gelände.

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Das Kampnagel-Theater im Abendlicht (Außenansicht) © Frederik Röh Foto: Frederik Röh

Kulturpartner: Kampnagel Hamburg

Kampnagel ist Kulturpartner von NDR Kultur. Aktuelle Informationen und Angebote finden Sie hier. extern

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 05.08.2021 | 06:20 Uhr